Persönlichkeit ist keine Diagnose

Organisationen sind in Gruppen organisiert. Eine komplexe Dienstleistung kann nur durch die effektive Zusammenarbeit von Menschen erreicht werden und auf Kundenseite sitzen natürlich auch wieder Menschen. Noch haben wir die Menschen-lose Organisation glücklicherweise nicht erfunden. Allerdings lassen sich Menschen nicht wie Maschinen zu Rädchen in einem größeren Getriebe machen. Und wenn es zu Störungen kommt, wird gerne nach Schuldigen gesucht – am Besten bei demjenigen, bei dem das Problem auftaucht.

Heute sind manche Leistungsprozesse in Organisationen so dünn oder „schlank“ gestaltet, dass es wirklich auf die Fähigkeiten von Einzelpersonen ankommt. Insofern kommt der Personalauswahl eine noch größere Bedeutung zu als früher: Nur wer auf eine gute Passung zwischen Mensch und Organisation achtet kann letzten Endes einen für beide Parteien günstigen Zustand sorgen. Blöd ist nur, dass sich beide auch immer weiter entwickeln.

Selbst wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt die Passung hergestellt scheint, so können sich beide in unterschiedlicher Geschwindigkeit in verschiedene Richtungen entwickeln und die Passung geht verloren. Manchmal wird dann durch Coaching versucht die Passung wieder herzustellen. Der Mensch soll an die Bedürfnisse der Organisation angepasst werden. Der Druck ist umso größer, wenn andere Stellen nicht zur Verfügung stehen und eine Entwicklung einfach stattfinden muss. Dann ist die Verzweiflung auf allen Seiten groß: Mitarbeiter, Führungskraft und Personalentwicklung stehen vor einer schwierigen Aufgabe.

Die Versuchung die „Schuld“ bei dem Mitarbeiter zu suchen ist groß. Es kann der Versuch entstehen, die fehlenden Fähigkeiten auf ein grundlegendes persönliches Defizit zurück zu führen. Steigt der Druck auf den Mitarbeiter weiter an, dann kann es sogar passieren, dass dieser das unerwünschte Verhalten noch stärker an den Tag legt, was alle Beteiligten von dem Defizit erst richtig überzeugt. Eine selbst erfüllende Prophezeiung ist geboren. Der Weg aus diesem Dilemma liegt in einer ganzheitlichen Entwicklungsbegleitung durch die Personalentwicklung. Erst wenn klar ist, in welche berufliche Richtung sich jemand weiter positiv und nachhaltig entwickeln kann und wie diese Entwicklung mit seiner Persönlichkeit zusammen hängt, wird man einen validen Abgleich den verfügbaren Rollen in Organisationen machen können. Eine verkürzte Variante im Sinne von Diagnose des Problems, dann Lücken Füllen durch Kurzzeitcoaching und weiterer Einsatz in bestehenden Rollen springt zu kurz und verlängert nur das Problem.

Insofern ist aus einer Coaching Perspektive auch zu prüfen, in wie weit die Maßnahme die Entwicklungsperspektive eines Klienten mit berücksichtigen kann und darf. Im übrigen erlebe ich viele Rolleninhaber in Organisationen aufgrund der hoch komplexen Anforderungen in ihrer Isolation deutlich überfordert. Der Kontext für die Leistungserbringung ist alles andere als stimmig und wird als unveränderbar wie eine Konstante beschrieben. Heute muss aber Personal- und Organisationsentwicklung gut verzahnt sein, sonst wird im schlimmsten Fall eine geforderte Höchstleistung von niemandem mehr erreicht.

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