< Urteilskraft ohne zu Bewerten – eine systemische Kompetenz – Markus Schwemmles Blog

Urteilskraft ohne zu Bewerten – eine systemische Kompetenz

Als systemischer Berater habe ich früh in meiner Ausbildung und im Alltag gelernt, mich vieler rascher Bewertungen zu enthalten. Insbesondere geht es dabei um instinktive und unbewusst automatische Einteilungen der Welt und insbesondere die Klassifikation von Menschen in gut oder schlecht, kompetent oder inkompetent, schuldig oder unschuldig. Es ist aber ein Trugschluss, dass auch einer, der systemisch geschult ist, ohne Entscheidungen durch’s Leben geht. Auf dem diesjährigen Lehrtrainertreffen am isb hat mein Lehrer Bernd Schmid diesen Satz geprägt: Es geht die eigene Urteilskraft ohne Bewertung. Was auf den ersten Blick paradox wirkt, drückt in sparsamen Worten eine der Lebenspraktiken aus, die für mich dahinter stecken und ich will in diesem Artikel einmal von mir berichten und damit nicht ausschließen, dass andere auch ihre eigenen Erfahrungen haben.
Viellicht hilft eine Definition: Was ist denn eigentlich „Urteilskraft“? Bei Wikipedia kann man nachlesen, dass es sich dabei um das Vermögen handelt, sich ein Urteil zu bilden. Es geht hierbei nicht darum, vorgeformte Urteile oder Vorurteile als wahr hinzunehmen und unreflektiert umzusetzen. Urteilskraft ist die Fähigkeit und Energie, sich Urteile zu konstruieren und sich bewusst zu sein, aus welchen Quellen sich ein Urteil speist. Ich bin selbst sogar überzeugt davon, dass es manchmal auch wichtig ist, zu wissen, welche Informationsquellen nicht in den Urteilsprozess einbezogen wurden und auch an manchen Stellen mit Urteilen zu leben, bei denen nicht alle Informationsmöglichkeiten ausgeschöpft wurden.

„Wir sind viel zu oft bei Verstand und viel zu selten bei Sinnen“ höre ich mich manchmal in meinen Selbsterfahrungsseminaren zur Persönlichkeitsentwicklung sagen. Wie sehr bin ich mir im Klaren, ob ich zur Urteilsbildung mir wirklich erlaube, genau hinzusehen oder hinzuhören? Und dazu gehört auch, in mich hinein zu sehen und ich mich hinein zu hören, gerade dann, wenn ich an bestimmten Stellen in meinem Leben weniger Urteilskraft zeige: Warum muss ich mich schnell für die Annahme eines Beratungsauftrages entscheiden? Was lässt mich unreflektiert beim Einkauf zu den ungesunden Nahrungsmitteln greifen, ohne genau hinzusehen? Gewohnheit oder die Angst mich zu schämen, die mir nicht erlaubt ganz ich zu sein?

Ich kann für mich nicht sagen, dass ich mit steigendem Lebensalter kontinuierlich besser in meiner Urteilskraft werde. Training z.B. meiner Wahrnehmung und Lernen neuer Urteilskategorien alleine hilft nicht, sie besser zu machen. Reflektion der Auswirkung meiner Entscheidungen und Handlungen ist mindestens genauso hilfreich. Und ich glaube, es ist eine Energiefrage: Menschen, die offen für neue Erfahrungen oder neue Wege sind, brauchen dafür auch extra Energie. Auch das Tragen von Verantwortung braucht seelische und manchmal auch körperliche Energie. Insofern ist mir ein guter Energiehaushalt genauso wichtig. Die Urteilskraft bei Müdigkeit ist bestimmt nicht sehr ausgeprägt. Was fördert noch meine Urteilskraft? Das Bewusstsein, dass es neben einem Urteil für das ich mich innerlich entscheide, oder das ich konstruiere noch einige andere Urteile möglich sind. Zum Zeitpunkt der Entscheidung kann ich nur nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Damit ist nicht ausgeschlossen im Fortgang der Zeit, mich anders zu entscheiden, ich muss dazu aber die neue Ausgangslage beachten. Man steigt eben nie in den selben Fluss…

So, jetzt bin ich gespannt: Was hilft deiner Urteilskraft?

Schreibe einen Kommentar