Markus Schwemmle's Blog

Systemisch arbeiten & leben

Buchtipp – Unter Bänkern

Posted on | Oktober 31, 2015 | No Comments

Ich erinnere mich noch gut an 2008, das wunderbare Jahr, in dem meine Frau mir das Ja-Wort gab, in dem wir aber auch alle miteinander an einer der schlimmsten Katastrophen in der Finanzwelt vorbeigeschrammt sind. Ich war gerade ein Jahr selbständig und am Auftragsrückgang wurde deutlich, dass viele Unternehmen schon sehr beeinträchtigt waren. Wenige Monate später schossen dann die Krisenberatungsprojekte, wie Pilze aus dem Boden, die Krise schien ausgestanden und langsam kehrte dann auch in meiner beruflichen Umwelt “business as usual” ein. Und genau da liegt das Problem.

Unter Bankern: Eine Spezies wird besichtigt

Loris Luyendijk ist Journalist aus den Niederlanden und hat im Auftrag des Guardien über ein Jahr in der Londoner “City”, dem Finanzdistrikt verbracht, um einen Innenblick in das Finanzsystem zu bekommen und uns alle ein Stück aufzuklären. Übrigens hat er ein Phänomen erlebt, mit dem ich täglich in meiner Arbeit als Berater und Coach konfrontiert bin:

Menschen verlieren das Interesse an Themen, wenn diese nicht im unmittelbaren Kern ihres Interesses liegen.

Alle beschäftigen sich ausgiebig mit den direkten Auswirkungen der Krise, auch die Politik strebt nach kurzfristigen und leider kurzsichtigen Lösungen. Alle wollen zurück an die Arbeit und in ihren Lebensstil und vergessen darüber die Zusammenhänge zu erkunden. Das hat Herr Luyendijk für uns getan und ich empfehle wirklich jedem Menschen die Lektüre dieses Buches, das sehr gut differenziert. Es geht dort in keiner Weise um das Bashing von Bankern oder dem Verteufeln der Finanzbranche, sondern um Zusammenhänge. Wir alle sind auf einen funktionierenden Finanzsektor angewiesen, um so schlimmer finde ich die absolut validen und nachvollziehbaren Schlüsse, die der Autor zieht, die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: Die Krise von 2008 könnte sich jederzeit wiederholen. Die Hauptursache (und da wird der Berater in mir hellwach) liegt darin, dass sich die Kultur im Finanzsektor und insbesondere im Bereich der Investmentbanken überhaupt nicht geändert hat: Culture eats Strategy for breakfast.

Die gesetzlich verschärften Kontrollen und die chinesischen Mauern innerhalb der Universalbanken können nicht gegen die weiter steigende Komplexität der Finanzprodukte mithalten. Only Complexity Beats Complexity. Schlaue Seminare zum Kulturwandel helfen nicht weiter (ganz meine Meinung). Die Kernfrage ist: Wer wird denn diesen Kulturwandel anstoßen? Wer übernimmt dafür die Verantwortung? Aus meiner Sicht kann das nur ein verantwortlich handelnder Vorstand tun. Oder wir als Kunden, denn auch unsere Gier führt dazu, dass andere unser “Kundenbedürfnis” erfüllen wollen. Es würde uns allen nicht wirklich in der Schule oder auch im Elternhaus (jedenfalls mir nicht) beigebracht, wie man wirklich die Verantwortung für sein Geld übernimmt. Der Leitsatz “spare in der Zeit, dann hast Du in der Not” hieß später bei meinem Finanzberater nach der Uni “Konsumverzicht” und passte gut zum Leitsatz meiner Eltern: “damit Du es später besser haben sollst”. Das unbedingte Vertrauen gegenüber den Personen auf der Bank, die mit OPM arbeiten (other people’s money) verschwand oder ist bei Null. Ja, jetzt geht es darum, sich über Verantwortung Gedanken zu machen. Jedes Finanzprodukt und sogar das Girokonto ist eines, überlässt die Verantwortung bei jemand anderem. OK, wie wäre also die Investition in einen eigenen Safe? Ziemlich wirkungslos, denn wenn das Geld zu Hause auch nichts mehr Wert ist, dann nützen die realen Scheinchen nichts. Verantwortung entsteht nur, wenn sie thematisiert wird und besprochen wird. Zwischen Menschen und nicht zwischen Rollen. Geld ist etwas persönliches.

Der Trend, dass man nur noch im Internet anonym sein Geld managed und anscheinend nur noch bei Bedarf mit wechselnden Stimmen an der Hotline zu tun hat, gehört hoffentlich bald wieder mehr der Vergangenheit an. Meinen Steuerberater buche ich doch auch nicht einfach übers Internet, sondern ist eine Vertrauensfrage. Doch erst einmal empfehle ich dringend die Lektüre dieses Buches und meine Worte als das zu nehmen wie sie gemeint sind: Als Anregung für eigene Gedanken…

Unter Bankern: Eine Spezies wird besichtigt

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