Markus Schwemmle's Blog

Systemisch arbeiten & leben

Buchtipp – Die Müdigkeitsgesellschaft

Posted on | September 4, 2015 | No Comments

Es scheint ein Phänomen der letzten 10-15 Jahre zu sein, dass Burn-out in der heutigen Arbeitswelt immer mehr zugenommen haben. Oft wird das erklärt mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen und Anforderungen an Mitarbeiter und Führungskräfte, die sie schlicht überfordern. Das kleine Buch von Byung-Chul Han ist mit seinen 70 Seiten eher ein Essay, der es in sich hat und einmal andere Perspektiven anbietet. An mancher Stelle lädt er dadurch zum Widerspruch ein, an einigen zum Nachdenken…

Müdigkeitsgesellschaft (Kleine Reihe)

Das Buch beginnt mit einem starken Bild: Han skizziert Prometheus als “Urfigur der Müdigkeitsgesellschaft”. Prometheus als Sinnbild der Selbstausbeutung, das dadurch von einer unendlichen Müdigkeit erfasst wird. In diesem Zusammenhang deutet er die Müdigkeit um! Das ist ja oft ein Zustand, der uns einfach nicht in den Kram passt. Traditionell hilft Kaffee oder moderner ein roter Energy Drink, der nach Gummibärchen schmeckt. Da fragt mich sich sowieso ob der Inhaltsstoff wirkt oder einfach nur der eklige Geschmack selbst Tote aufweckt. Und wenn es keine äußeren Flüssigkeiten sind, dann kann sich unser Körper auch mit seinem eigenen Hormoncocktail wach halten.

Die Grundideen des Buches sind leicht skizziert:

Früher war er Kampf mit der Außenwelt durch die Andersartigkeit bestimmt. Ein Immunsystem ist darauf getrimmt, Andersartigkeit zu erkennen und zu bekämpfen. Die Grenze von Innen und Außen war wichtig. Es ging in diesem Kampf darum Infekte zu bekämpfen.

Heute erleiden wir nach Han eher Infarkte, die dadurch bedingt sind, dass wir das Andersartige gar nicht mehr erkennen. Andersartigkeit und Fremdheit verschwinden. Hierarchien werden flach. Der Chef wird geduzt. Alles wird immer gleicher. Und richtig böse kann man ihm auch nicht mehr sein, denn er hat gelernt zu kommunizieren.

Keine Disziplinar-, sondern eine Leistungsgesellschaft:

Paradigma der Disziplin und Kontrolle wird durch das Paradigma der Leistung und Positivität ersetzt. Grund ist die bestehende gesellschaftliche Notwendigkeit der Leistungssteigerung, die durch Kommando und Kontrolle nicht aufrecht zu erhalten ist.

Was kollektiv stattfindet ist ein Umschalten im gesellschaftlichen Unbewussten vom Sollen aufs Können. Die Positivität des Könnens ist viel effizienter als die Negativität des Sollens.

Das neue Leistungssubjekt bleibt diszipliniert. Es hat das Stadium des Sollens hinter sich.
Alain Ehrenberg wird zitiert. Dieser “siedelt die Depression am Übergang zwischen Disziplinar- und Leistungsgesellschaft an.” Ich finde hier den Aspekt der Lebensphasen und den der Entwicklung aus sich selbst heraus interessant.

“Der Depressive ist nicht auf der Höhe. Er ist erschöpft von der Anstrengung er selbst werden zu müssen. Nicht mehr Können-Können führt zu einem destruktiven Selbstvorwurf und zu Autoaggression.”

Interessant finde ich auch die These, dass ein Übermaß an Positivität zu einem Übermaß an Reizen führt, das sich auf unsere Aufmerksamkeitsökonomie auswirkt. Multitasking wird notwendig und ist eher ein zivilisatorischer,Rückschritt. Er vergleicht das mit der Steinzeit, in der gleichzeitig gejagt, gegessen, geschützt und kopuliert wurde. Nur in der Gleichzeitigkeit konnte man Überleben. So wie heute, wenn man nicht dauernd sein Smartphone mit dutzenden Kanälen überwacht das Gefühl hat, etwas wirklich wichtiges zu verpassen. Dadurch wird eine breite, aber flache Aufmerksamkeit erzeugt.
Im Gegensatz dazu steht die tiefe, kontemplative Aufmerksamkeit, die unsere kulturellen Errungenschaften ermöglicht hat. In diesem Fall scheint sich eine Toleranz für Langeweile zu empfehlen.

Schön finde ich auch die Zitate und Beschreibungen von Handke und Heidecker zum Thema Müdigkeit als Zwischenzeit, in der sonst Unbrauchbares brauchbar wird. Es beschreibt aus meiner Sicht die passive Produktivität des Seins im Gegensatz zur hyperaktiven Produktivität des Machens. Der Müde ist nicht mehr entschlossen, sondern gelassen.

Auch schön ist ein Zitat das auf Nietzsche zurück geht: wenn Gott wegfällt, dann erhebt sich die Gesundheit zur Göttin.

Mein Fazit:

Am Ende macht der Essay nachdenklich. Freiheit bedeutet immer auch ein frei sein von etwas aus dem sich die Freiheit definiert. So gesehen kommt nach der Freiheit als nächstem Schritt die Unabhängigkeit. Wer so lebt ist aber oft auch ziemlich einsam. Die höchste Form des Da-Seins ist für mich Autonomie, die auf freiwilliger Basis augenblicklich entscheidet, Beziehungen herzustellen oder sie zu unterlassen. Dabei ist im ja oder nein nicht die Zu- oder Abwendung zu einem Außen bzw. zu einem Subjekt entscheidend, sondern der gute Umgang mit sich und seiner Seele. Am Ende wird mir dadurch die Bedeutsamkeit von Achtsamkeit, Kontemplation und tiefer Aufmerksamkeit in meinem Leben bewusst.

Was ich noch faszinierend an dem Essay finde, ist, dass Han vor allem aus der Kombination bestehender Gedanken und Publikationen schöpft. Das einzig “neue” ist die Übertragung auf ein gesellschaftliches Niveau. Wir sitzen alle auf den Schultern von Riesen und ich schätze seine Leistung der Gegenüberstellung und Zusammenfassung sehr, denn Han lässt mich an seinen Gedanken und Erkenntnissen teilhaben, die ich ohne diese Verdichtung nicht gesehen habe.
Hier geht es zum Buch: Müdigkeitsgesellschaft (Kleine Reihe)

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