Meine Zenlehrmeister zu Hause

Persönliche Weiterentwicklung in Professions-, Organisations- aber auch Privatwelten beschäftigt mich schon mein ganzes Leben. Für mich ist es sehr interessant zu lernen oder für andere Lerngelegenheiten zu schaffen. Für Organisationen ist Lernen von Mitarbeitern nicht nur Selbstzweck, sondern stärkt die Lebens- und Innovationsfähigkeit der Organisation. Und auch für gesellschaftliche Bezüge ist Lernen und Entwicklung enorm wichtig. Die Frage ist dann: Von wem kann man denn lernen? Ich selbst bin kein Mensch, der vollständig im Zen-Buddhismus aufgeht, sondern sich davon bei Gelegenheit wie von anderen Strömungen inspirieren lässt. Insofern entspricht mein Bild eines Zen Meistens vielleicht eher ein Stereotyp. Wenn ich ein „Jobprofil“ erstellen müsste, dann würde ich darin auflisten: Unendliche Übung, ein gewisses Lebensalter und Erfahrung, sowie ein Erleben der „Erleuchtung“. Was das mit meiner Privatwelt zu tun hat, erfahren Sie hier…
Ein Kriterium würden meine beiden Zenmeister zu Hause nicht erfüllen: Die Sache mit dem Lebensalter. Meine Tochter ist im Moment 3 und mein Sohn 1 Jahr alt. Aber sie können eines ganz besonders gut: Ihr Handeln  und Erleben bezieht sich in aller Regel auf den EINEN MOMENT im hier und jetzt. Und sie geben ihrer Umwelt ganz wenig Chancen, sich zeitgleich auf andere Dinge zu konzentrieren. Der geschäftsführende Vater hat in ihrer Gegenwart einfach wenig Chancen auf Erfolg. Nur als Vater komme ich ziemlich gut klar. Der hausmännliche Vater ist dagegen gut beraten, die beiden jungen Meister in jede Form der Hausarbeit einzubeziehen, wenn diese überhaupt in irgendeiner Art und Weise erfolgreich sein soll. Da ist auch das Geheimnis: In Geschäftsführung oder auch Beraterarbeit kann ich meine Kinder nicht mit einbeziehen. Meine Tochter fragte mich neulich nach dem „Sinn des Spiels“ am Telefon oder mit dem Computer. Nach meiner Erklärung war sie sehr nachdenklich und meinte: „Das ist aber wirklich schwer.“ Und das im Jahr der Leichtigkeit, das ich mir selbst verordnet hatte.

Präsenz und Lebenspraxis
Wenn ich im Zusammenhang mit meinen Kindern eines gelernt habe, dann eine konstante Präsenz und dazu eine möglichst konsistente Lebenspraxis. Jedes wankelmütige Verhalten wird sofort identifiziert und mit Worten markiert. Die Frage: „Was machst Du da Papa?“ wird nach der ersten Antwort in aller Regel mit der weiterführenden Frage: „Warum?“ kommentiert. Da kommt man schon mal ins Nachdenken. Mittlerweile merke ich bei mir einen nützlichen Effekt, der sich auch in die Ausübung meines Berufs überträgt: Mir ist insgesamt mehr bewusst, warum ich bestimmte Dinge tue. Und ich merke, dass nicht nur mir die Erklärung gut tut, sondern auch meinen Coachingklienten oder Kunden.

Emotionskontrolle und innere Steuerung
Vielleicht hat es auch noch damit zu tun, dass ich im Laufe der Zeit ein noch besseres Gefühl für meine Werte bekommen habe. Wahrscheinlich auch dadurch, dass so häufig und lässig im kleinen von meinen beiden Lehrern dagegen verstossen wird. Das wurde mir erst neulich so deutlich, seit sie zu zweit auch interagieren können. Es ist einfach nicht OK, wenn die eine den anderen rumschubst, einfach nur weil sie es kann. Und wenn er dann graziös zu Boden geht und lautstark sein Leid der Welt und seinem Vater klagt, entstehen ganz automatisch Gefühle, die ich längst unter Kontrolle wähnte. Und während man im Laufe eines Kindertages so ein Ereignis vielleicht noch vertragen kann (mit anderen Worten: Die Liebe ist stärker als der Gerechtigkeitssinn) haben meine beiden Lehrmeister einfach die Dosis erhöht. Mit anderen Worten: Ich komme einfach ein meine Grenzen. Und ich unterstelle ihnen einfach mal: Sie machen das nur, damit ich ein besserer, verträglicher, weiterentwickelter Mensch bin. Wenn an dieser Stelle ein Leser auf die Idee kommt, mir das auszureden, dann bitte ich darum mir wenigstens diese Illusion zu lassen. Ich glaube, dass meine beiden Lehrmeister schon viel mehr Gelassenheit in mir erzeugen konnten und zwar so, dass ich das in alle Welten übertragen kann. Allein die Tatsache, dass diese beiden Wesen ja noch so unerfahren sind, macht die Unterstellung unmöglich, dass sie aus (schlechter) Erfahrung handeln. Es ist einfach schwierig ihnen eine schlechte Motivation zu unterstellen. Vielleicht sind sie einfach nur müde, haben Hunger oder einfach nur was in der Hose was da nicht hin gehört. So eine Unterstellung in ein konfrontatives Managementmeeting zu übertragen ist dann schon wieder amüsant. Ich stelle aber fest, dass ich mich dadurch noch viel weniger von alten Überzeugungen leiten lasse, sondern viel besser darin geworden bin, in dem Moment wo etwas auftritt genau hin zu sehen.

Achtsamkeitsübung inklusive
Meine beiden Lehrmeister bemühen sich sehr, mir immer wieder gute Gelegenheiten zu gelebter Achtsamkeit zu präsentieren. Da wäre vor allem zu benennen, die Umgebung bzw. das Feld in dem ich mich aufhalte zunächst einmal achtsam hinzunehmen und mich von meinen Emotionen zu distanzieren. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass ich mich längst nicht mehr von so niedren Gefühlen wie Ärger und Verdruss leiten lasse. Allerhöchstens von Verwirrung, aber dann sollte ich vielleicht doch einmal genauer hinschauen.

Und wenn ich dann an meiner Umgebung etwas ändern möchte, dann bitte doch sehr achtsam und taktvoll. Ich meine da vor allem die Gelegenheiten nach allen Seiten explodierte Bau- oder Legosteine wieder in ihre dafür vorgesehenen Behältnisse zu transportieren (genannt: Aufräumen). Achtsamkeit wird da wirklich gebraucht, damit ich es förmlich genießen kann, jedes einzelne Steinchen aufzuräumen und nicht schnell-schnell darüber weghuschen möchte oder gar das eine übersehe, dass sich dann mit viel Schmerz aber ohne großen Schaden in eine meiner besockten Fußsohlen bohrt. Insgesamt ist es doch auch schön, dass man am Ende des Tages alle Beteiligten gut ins Bett bekommt und nach so viel investierter Aufmerksamkeit für andere auch mal auf sich schauen darf. Und mittlerweile erkenne ich ein Schlafbedürfnis und gehe ihm nach, statt eine Fernsehserie zu schauen und möglicherweise unvermittelt in der Nacht geweckt zu werden.

Fazit

Wozu also ins Kloster oder die täglichen Übungssequenzen in Meditation? Mein Alltag mit meinen Kindern sorgt auch so für Konzentration auf’s Wesentliche. Solche Elemente der Selbststeuerung haben in den letzten Jahren eine andere Ausrichtung bei mir bekommen, nämlich mit dafür zu sorgen, dass ich noch mehr bei mir bleibe. Und als Berater und Coach habe ich auch viel gelernt, nämlich viele Interventionen gesammelt und entwickelt, die sich in einen dichten Alltag gut integrieren lassen. Bei all meinen Zeilen hoffe ich, dass der Humor spürbar wird, mit all seinen kleinen Mühen oder größeren Katastrophen des Alltags. Ich bin meinen Kindern wirklich dankbar für die tägliche Lektion im Umgang mit mir und meiner Verantwortung für diese phantastischen Wesen und ich hoffe, dass ich von einer ultimativen Überforderung in einer kritischen Situation verschont bleibe. Ich möchte keinen Tag dieser Lebensschule missen. Ich glaube sogar, dass es mich zu einem besseren Berater oder auch einer besseren Führungskraft macht, wenn ich die Fähigkeiten, die ich in meiner Privatwelt entwickle auch in meinen Berufsalltag transportiere. Dort ist es oft eine Frage der zur Verfügung stehenden inneren Energie und des Bewusstseins. Insofern passt das zu einem Zitat eines wirklichen Zen-Meisters:

„Den Weg zu studieren heißt sich selbst zu studieren, sich selbst zu studieren heißt sich selbst vergessen. Sich selbst zu vergessen bedeutet eins zu werden mit allen Existenzen.“

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