Sommerreflexion: Wie wollen wir leben?

Immer wieder nutze ich meinen Blog um mein Leben zu reflektieren und andere daran teilhaben zu lassen. Ein großer Teil nimmt dabei mein Berufsleben ein obwohl ich Beruf und Privat nicht strikt trenne. Das hat den großen Vorteil, dass ich mich nicht darüber ärgere, wenn das eine in das andere übergeht, d.h. ich verschwende meine geistige Kraft nicht darauf eine künstliche innere Grenze zu erzeugen, aufrecht zu erhalten oder zu verteidigen. Ich habe einfach besseres zu tun. Lange habe ich mit dem Gedanken gerungen vielleicht zu etwas beizutragen, das ich innerlich abwerte: Der 100ste Blog: Wer liest das? Gehen meine geistigen Ergüsse nicht im Nirvana des Internet unter und werden unter Milliarden von Artikeln bedeutungslos? Immer wieder bekomme ich aber virtuell und im richtigen Leben eine gute Resonanz auf meine Artikel. Und ich nehme mir immer für jeden Artikel konkrete Personen vor, für die ich schreibe. Das gute an Veröffentlichungen im Internet ist, dass jeder andere, den ein Artikel ansprechen könnte, auch mitlesen darf. Das wäre dann ein Nutzen ohne eine konkrete Absicht, also auf eine Art sogar doppelt gut.
Vor ein paar Wochen entdeckte ich ein Buch bei meinem Freund und Kollegen Thilo Leipoldt (seinen Blog finden Sie hier: http://blogs.system-worx.de/thilo_leipoldt/), das mich nicht nur sehr inspirierte und für mich und hoffentlich auch für einige meiner Klienten zu einem Wegweiser wurde, sondern eine weitere Antwort auf die Frage gibt: Warum es sich lohnt, einen Blog zu schreiben… In diesem Blogartikel finden Sie nicht nur die Antwort auf diese Frage, sondern meine Reflexion der letzten Monate in der Sommerpause…

Zunächst einmal die Quelle in ihrer ganzen Schönheit. Es handelt sich um das Buch von Peter Bieri mit dem Titel:
Wie wollen wir leben?

Er selbst ist Professor für Philosophie und schreibt im Übrigen auch Romane (unter Pseudonym), die ich sehr lesenswert finde, z.B. „Nachtzug nach Lissabon“. Das Buch ist eigentlich eine Verschriftlichung einer Vorlesung, die vom 21.-23. März 2011 im Kulturzentrum bei den Minoritäten in Graz statt fand aus der Reihe „Unruhe bewahren“. Allein der Titel der Reihe und der Vorlesung macht Lust finde ich, sich mit den Themen zu beschäftigen. Das Buch ist entlang der Vorlesungen strukturiert und beschäftigt sich mit drei Kernfragen:

Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?
Warum ist Selbsterkenntnis wichtig?
Wie entsteht kulturelle Identität?

Übrigens wird in Kapitel drei auch beschrieben, wie die Blogs von heute die kulturelle Identität der Menschen prägen. Um es nicht zu spannend zu machen schon ein paar Sätze dazu: Mir ist klar geworden, dass es nicht beliebig ist, etwas für sich in ein Tagebuch zu schreiben um sich weiter zu entwickeln. Allein die Tatsache, dass ein Blog theoretisch von jedem gelesen und verfolgt werden könnte, gibt dem Autor die Aufgabe etwas zu schreiben, was für einen anderen Leser als sich selbst auch von Bedeutung ist. Die Erschaffung eines Textes ist unter dieser Maßgabe deutlich weniger beliebig, als die Beschreibung des ersten Liebeskummers in einem geheimen Tagebuch im Alter von 14 Jahren. Die Möglichkeit der Resonanz auf Geschriebenes erzeugt im Schreiber eine andere Motivation sich in dem Moment des Schreibens zu erschaffen. Peter Bieri zieht die Parallele seine Innenwelt nicht nur als gegeben hinzunehmen, sondern sich so um sein Denken, Fühlen und Wollen zu kümmern, daß man der Autor seines Lebens ist. Er macht anschaulich klar, dass es einen großen Unterschied macht, ob man sein eigenes Subjekt ist oder nur ein Schauplatz an dem einem das Leben so zustößt. Er zeigt wie es ist, wenn man sich selbst zum Thema macht. Nicht in einer überheblichen oder übermäßig selbstverliebten Art und Weise (obwohl ich finde, dass eine Portion Selbstliebe gut ist für einen und auch für andere), sondern es geht um eine Art distanziertes Erkennen und Verstehen seiner selbst: Die Kernfragen lauten:

Was ist es eigentlich, was ich denke, fühle und will?

Und wie ist es zu diesen Gedanken, Gefühlen und Wünschen gekommen?

Wichtig dabei ist eine Prämisse: Es ist immer auch möglich etwas anderes zu denken, zu fühlen oder zu wollen. Das ist die Grundidee von Selbstbestimmung! Reflexion führt dazu, sich immer wieder neu für Gedanken, Gefühle und Wünsche zu entscheiden, als sie einfach nur als eine Begleiterscheinung des eigenen Lebens hinzunehmen. Ich persönlich fühle bei solchen Ausführungen ein Hochgefühl meiner eigenen Selbstbestimmung. Ein Teil meiner beruflichen Identität in meiner Selbständigkeit beruht auf der Bestimmung meiner eigenen beruflichen Tätigkeiten und auch die Auswahl von Personen mit denen ich arbeiten möchte, aber auch die Wahl, mit wem ich nicht arbeiten möchte. Im Rückblick ist es nicht der Moment, in dem ich mich damals selbständig gemacht hatte, es ist ein immerwährender Prozess. Und am besten fühle ich mich beruflich, wenn ich mir bewusst mache, dass ich damit ein Zeitalter des eigenen Wählens eingeläutet habe. Zu wählen, etwas für jemanden zu tun, was oft auch heisst, etwas für jemand anderen zu lassen. Tatsächlich habe ich mich für ein sehr fleissiges Leben entschieden. An den meisten Tagen (und auch vielen Samstagen) bin ich 12-14 Stunden beruflich aktiv. In der Regel gelingt es mir, diese Zeiten zu genießen und eine Art von Produktivität zu erlangen, die auch andere auf gute Art produktiv sein lässt (siehe mein zukünftiger Blogartikel zum Lernen). Es gibt etwas, das mich sowohl in privaten Rollen, wie z.B. als Vater genau so fasziniert wie in beruflichen Rollen, z.B. als Führungskräfteentwickler oder Organisationsberater: Das Erschaffen von Lerngelegenheiten. Gute Antworten auf die Frage zu finden: „Wie lernen Menschen…
…Führung von anderen
…Beratung in Organisationen
…Gestaltung von Prozessen und Strukturen
oder etwas für Erwachsene alltägliches: …das Laufen“
Das ist etwas, wofür mein Herz schlägt. In Fachchinesisch lautet der Begriff dafür: Didaktik. Und es gibt einfach viel, viel bessere Dinge als Show-and-Tell. Dazu aber an anderer Stelle mehr…

Zurück zum Buch von Peter Bieri: Er macht einen wunderbaren Ausflug in das eigene Selbst. Er schreibt aus meiner Sicht so treffend, dass jeder Satz die eigene Selbsterkenntnis anregt und eigene Gedanken frei setzt. Ich finde, das Buch sollte jeder Mensch einmal lesen. Insofern wäre es wirklich etwas für die Schule. Ich hoffe nur, dass die Lehrer nicht auf die Idee kommen, eine klassische „Buchbesprechung“ zu machen, sondern Dialoge über die Themen und die eigenen Gedanken dazu zu inszenieren…

Ein weiteres Beispiel um Lust am Lesen zu machen aus dem Kapitel „Sich in sich auskennen“: „Selbstbestimmung hat sehr viel damit zu tun, dass wir uns selbst verstehen. Jedes Leben ist viel reicher an Gedanken, Gefühlen und Phantasien, als die äußere Biographie zeigt. Und auch, als die innere Biographie zeigt. Wer zu einem realistischen Selbstbild gelangen und mit ihm zur Deckung kommen will, muß versuchen, die Logik seines weniger bewussten Lebens zu durchschauen. Nur so lassen sich innere Zwänge und Selbsttäuschungen auflösen, die der Selbstbestimmung im Wege stehen.“ Zur Veränderung schreibt Bieri: „Viele Umwege sind nötig: Kulissenwechsel, neue Erfahrungen, neue Beziehungen, die Arbeit mit Trainern und Therapeuten. Das Ganze ist ein Kampf gegen die innere Monotonie, gegen eine Starrheit des Erlebens und Wollens.“

Laut Bieri ist es besonders wichtig, dass wir uns sprachlich ausdrücken. Denn jeder sprachliche Ausdruck führt dazu, dass wir unsere Überzeugungen und Ideen auf den Prüfstand stellen. Es könnte auch dazu führen, dass sich diese Überzeugungen dann im Laufe der Zeit ändern, wozu –  wie ich finde – auch eine Portion Offenheit und die Fähigkeit zum Dialog mit anderen gehört. Für Bieri ist jede Selbstbeschreibung eine Arbeit an unserer persönlichen Identität, die auch eine innere Umgestaltung mit sich bringt. Ich schreibe, also bin ich… eben heute der, der etwas schreibt. Ja, es lohnt sich einen Blog zu schreiben. Für mich und hoffentlich auch für andere.

So, jetzt möchte ich noch schreiben, was eh schon jedem Leser klar sein sollte: Ich empfehle dieses Buch wirklich jedem, der einmal innehalten will um in einer gelungenen, herausfordernden und auch wohltätigen Art über sich und sein Leben zu reflektieren. Ich für mich fühle mich bestärkt. Das Buch ist eher dünn und jeder Satz ist ein Gewinn. Auch wenn ich nicht unbedingt alles teile, was Bieri schreibt. Also eine kleine Kritik erlaube ich mir noch: Der Teil in dem er über Achtsamkeit schreibt als ein wesentliches Mittel zur Selbsterkenntnis und auch Selbststeuerung im Alltag kommt mir als Achtsamkeitsfan und -praktiker deutlich zu kurz. Die Beschränkung, von der er schreibt kommt aus meiner Sicht nur dadurch zu Stande, dass er sich zu wenig eigene Achtsamkeitserfahrungen in seinem Leben gönnt, oder vielleicht eine ganz besondere Achtsamkeitsmethode fast ausschließlich zu eigen gemacht hat: Das Schreiben über sich selbst. Das erinnert mich an einen Spruch des Dalai Lama: „Vertraue den Lehren und nicht den Lehrern.“ Am Ende muss, finde ich, jeder seinen eigenen, bestmöglichen Zugang zu sich selbst finden. Und trotzdem: Für mich ist dieses Buch eine Schatzkiste für jeden der auf der beständigen Suche ist.

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