Lebensthemen: Genügsamkeit statt Größenwahn

Es gibt Menschen, die scheinen von vielen Dingen nicht genug zu bekommen: Das nächste Auto muss größer sein und ein besseres Image haben als das alte. Vor allem darf es nicht älter werden als 2 Jahre. Die Schule für die Kinder muss etwas besonders sein, wo doch schon der Kindergarten zweisprachig war. Der Umzug aus der 4 Zimmer Wohnung in das eigene Haus (selbstverständlich nach den eigenen Vorstellungen gestaltet und mit Designerküche) ist immer noch kaum verkraftet. Und damit Papa das alles bezahlen kann: Die Karriere hat nur eine Richtung: Nach oben. Einer Fach-Arbeit nach zu gehen reicht nicht. Wer es zu etwas bringen will, muss Führungskraft werden und das mit Ambitionen in die oberen Führungsetagen. Weil da die Luft manchmal recht dünn wird, werden die Ellenbogen ausgefahren. Aber auch dieser Kampf macht müde. Und wer so einmal inne hält und auf sein Leben zurück blickt, der wird sich fragen: Wozu? Die Antwort lautet: Mehr, mehr, mehr…
Und wenn nicht mehr geht? Dann kommt die Angst. Dass es nicht reicht. Es nicht zu bringen. Dass das dauerhafte Anhäufen von Statussymbolen einfach nicht mehr weiter geht. Und was dann folgt ist der innere Antrieb: „Streng dich mehr an“ oder „Du musst perfekt sein“. Wenn man genauer hin sieht ist jede Angst im tiefsten Grunde eine Angst vor Verlust…

Interessant ist, dass Menschen, wenn sie ihre Angst spüren, diese auf keinen Fall mit ihrer Be-gier-de nach mehr in Verbindung bringen. Der Fokus engt sich meist darauf ein, die Angst einfach nur los zu werden. Zum Beispiel durch eine noch größere Anstrengung. Burn-out ist die Krankheit der Fleißigen. Aber was hilft der ganze Fleiß, wenn sich durch einfach noch mehr Arbeit und noch mehr Leistung nicht noch mehr erreichen lässt? Es ist auch gar nicht so leicht, heraus zu finden, welcher Verlust denn befürchtet wird. Klar ist aber die Funktion von Angst: Den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen, die Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen. Angst ist ein biologischer Überlebensmechanismus, der Energien frei setzt.
Und wenn das dauerhaft bzw. täglich im Übermaß passiert, dann hat das körperliche Konsequenzen. Natürlich könnte man auch wieder körperlich intervenieren, z.B. wären Beta-Blocker hier bestimmt hilfreich, die Ursache liegt aber woanders – in unserem Geist.
Der Teil, der uns süchtig macht, wird auch in der Werbung genutzt. Es sind innere Bilder davon, wie lustvoll der nächste Gewinn erlebt wird. Das was man alles schon hat wird dann sehr klein. „Hätte ich nur die nächste Beförderung, dann würde es mir auf diese Weise besser gehen.“ Viele kennen das Phänomen: Nachdem man wieder mehr bekommen hat, dann hält dieses Gefühl der Befriedigung nicht sehr lange an, bevor sich unser Geist wieder auf die Suche nach der nächsten gewinnbringenden Vorstellung macht. Und weiter geht der ewigen Kreislauf…
Wer hier aussteigen möchte, der sollte seine Ziele untersuchen. Interessant ist, dass so gefangene Menschen eine interessante Furcht haben. Sie sagen: „Wenn ich keine großen Ziele habe, dann habe ich Angst meine Motivation zu verlieren.“ Es geht aber nicht um große Ziele, es geht um Sinn. Und der hat mehr mit unseren Werten zu tun, als mit der Verwirklichung von materiellem Reichtum. Das interessante an Werten ist: Man kann sie nicht erreichen, man lebt sie. Und vielleicht findet jemand, der in der Reichtum-Falle gefangen ist, seinen inneren Kompass wieder, der ihn innerlich zufrieden werden lässt. Wenn man seine Werte lebt, dann kehrt innere Stille ein und nicht innere Leere. Das ist ein großer Unterschied.

Wieder durfte ich von einem Klienten viel Lernen. Vielen Dank für diese Lektion des Lebens. Vielleicht hilft es auch anderen weiter…

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Kommentare (4)

  • Lieber Markus!

    Das hast Du wieder klasse in Worte gefasst. Insbesondere, dass Sinn nicht erreicht werden kann, sondern gelebt werden muss. Zur Genügsamkeit gehört das Unspektakuläre und das Allgemeine. Es darf ruhig alltäglich und vielen Menschen zugänglich sein, man muss es sich nur zu eigen machen. Aber das erfordert Aufmerksamkeit und Disziplin.

    Herzlich Bernd

  • Lieber Markus,

    wer glücklich sein will hat es heute nicht leicht. Begehrlichkeiten so weit das Auge reicht. Die Welt hungert. Sie hungert nach Nahrung, Freiheit, Wohlstand, Anerkennung, Liebe, Wertschätzung Tag ein, Tag aus. Armut und Reichtum liegen oftmals sehr nahe beieinander. Wobei es viele Formen von Armut und Reichtum gibt.

    Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen, für Menschen die ihr Herz an Symbolen hängen, die etwas besseres versprechen, ihren Götzen mit Leidenschaft folgen. Diese Wesen wirken meist oberflächlich und leer.

    Es kann so unerträglich leicht sein zu sein.

    Wer heute glücklich sein will, tut gut daran, zwischen Schein und Wirklichkeit zu differenzieren. Das Beste was uns passieren kann, ist die Begegnung mit Menschen.

    LG Martin

  • Hallo Markus,
    gerade im Bereich Beratung und Therapie wird immer deutlicher, dass das Thema Burnout, wie schon erwähnt, immer mehr zu einem Problem der Tüchtigen wird.
    Gerade im Bereich der freien Wirtschaft wird immer mehr Leitstungsdruck erwartet und das „Ausbrennen“ öfter beobachtet. Der Erfolgsdruck ist hoch und die natürliche Funktion der Alarmbereitschaft der Körpers vielfach unterschätzt. Angst ist auch ein sinnvoller biologischer Überlebensmechanismus, der dem Überleben dient in unserer schnelllebigen Gesellschaft.
    Ein wichtiger Leitspruch der helfen kann dem vorzubeugen habe ich mir daher fest verankert:

    „Jede dreckige Hose erspart uns ’ne Neurose“.

    In diesem Fall raus in Wald und Flur, für unsere Seelenreinigung.

    Grüße aus Stuttgart

  • Sehr schöner Artikel! Ich erlebe es fast täglich in Coaching und Therapie, wie schwer es doch Menschen fällt, aus der „Konsumfalle“ auszusteigen. Menschen arbeiten in Jobs die sich nicht mögen, um sich mit diesem Geld Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen…

    Herzliche Grüße aus Hessen,

    Peter Reitz

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