Oberflächen und die Tiefe

Wenn Würdigung und Ehre in der Festhalle direkt neben dem Marktplatz stattfindet, dann ist da eine Spannung spürbar. Die einen reden schließlich über Äpfel und Birnen und der Andere über Erde, Wasser, Luft und Sonne. Ein Erlebnisbericht.

„Höher, schneller, weiter“ sei die Versuchung gewesen, sagte die Organisatorin in der Einleitung der Veranstaltung, die ich die letzten zwei Tage besuchte. Sie haben sich dann für ein anderes Motto entschieden. Einem Menschen, der mich immer sehr berührt, bewegt und zum Denken gebracht hatte wurde deine hohe Auszeichnung verliehen um sein Lebenswerk zu ehren. Und das war auch der eigentliche Grund meines Besuches. Kultur entsteht in der Art der Inszenierung schon mit der Wahl des Veranstaltungsortes: Auf einem Berg sehr schön gelegen mit einem wunderbaren Blick auf den Rhein. Überrascht war ich über die enorme Anzahl bunter Oberflächen und die scheinbare Übermacht von Werkzeugangeboten. Im Do-It-Yourself Baumarkt waren da die Hämmer, Sägen, Schraubenzieher aufgereiht. Naja, heute geht das alles auch noch elektronisch mit einem iPad also durfte das auch nicht fehlen. Während die einen ihr Hobby zum Beruf gemacht haben und anscheinend nur Lieblingswerkzeuge schwingen („mein Lieblingshammer macht alles zu einem Nagel“) gab es da noch einen, der erklärte warum es Teil eines Lebensweges ist zu einem Zimmermann zu werden. Oder war das ein Zirkusdirektor? Mit Zimmermann funktioniert diese Story besser. Die Leidenschaft an einem Haus einen Dachstuhl zu bauen braucht viel Übung und Erfahrung. Den eigenen Hammer hat man natürlich auch dabei. Entscheidend ist dabei aber mehr der Weg. Früher gingen die Zimmermänner auf die Walz. Lehr- und Wanderjahre waren das. Leicht erkennbar am leichten Gepäck und dem großen Hut waren sie. Die Jungen die zu Männern wurden. Wer so durchs Leben ging, der hat viel gelernt und war sich nicht zu schade auf vielen Baustellen zu arbeiten bei Wind und Wetter. Nur wer diese Reise hinter sich hatte, der konnte sich erfolgreich niederlassen und in einer Dorf- oder Stadtgemeinschaft Fuß fassen. Heute ist gleich jeder der einen Hammer halten kann ein Experte. Auch wenn er von Häusern und Statik und den Eigenschaften des Materials mit dem er arbeitet an und für sich keine Ahnung hat. Hauptsache der Nagel ist drin. Vielleicht ein Zeichen der Zeit, dass man sich anscheinend nicht mehr die Zeit nimmt seinen Beruf zu lernen oder vielleicht auch nur, dass die Wege wie etwas oder jemand wird vielleicht nicht interessieren. In die Tiefe ist der Weg aber entscheidend. So ist das bei jedem Veränderungsprozess, der nachhaltige Veränderung ermöglichen soll. Die übersimplifizierte Machbarkeitsphantasie im Stile von „so geht’s“ erinnert mich wieder an den Baumarkt und meine eigenen Versuche Parkett zu verlegen. Eine Woche Urlaub, ein blutiger Daumen und viel Nachdenken darüber, wie man die unschönen Ecken und Kanten kaschieren kann waren die Folge.

Ich glaube zur Tiefe gehört auch die Oberfläche. Wenn beides nicht verbunden ist verflacht sich das Ganze. Ich bin dankbar für die Veranstaltung und die Einsichten, die ich gewinnen durfte. Und ich bin dankbar bei der Ehrung meines Mentors dabei gewesen zu sein. Das war zwar gewissermaßen ein Kulturschock für so manchen, aber die Würdigung war so deutlich spürbar, dass sich viele berührt fühlten. Die Kultur hatte sich verändert auch weil die Inszenierung anders war. Keiner der Powerpoints vorliest. Sondern mit schöner Sprache erzählt. Von sich, seinen Strebungen und Wandlungen und einem Leben das immer vorwärts gerichtet war.

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