Lebenssthemen: Mit seinen Grenzen befreundet sein

Ich weiß aus eigener Erfahrung: Es ist wichtig der eigenen Entwicklung Raum zu geben und sich mit dem zu beschäftigen, was werden will. Das ist nicht nur „nice-to-have“ sondern hat etwas damit zu tun, für sich und die Menschen mit denen man lebt und arbeitet Verantwortung zu übernehmen. Es gibt viel zu viele Beispiele dafür, was passieren kann, wenn Menschen ihren Entwicklungsimpulsen nicht nachgehen: Das eigene Leben fühlt sich fremd an, man findet sich in einem äußerlich perfekten Drehbuch wieder und hat doch das Gefühl im falschen Film zu sein. Für viele Zeitgenossen bleibt dann die Flucht in Konsum oder sie verlassen ihre Familien um sich mit einer jüngeren Freundin noch einmal richtig jung zu fühlen. Manche schmeißen den Vorstandsposten hin (für den sie eigentlich gut geeignet wären) oder verabschieden sich in den Burnout. Es gibt hier im Blog einige „Reihen“, z.B. die Coachingtipps. Mit diesem Artikel möchte ich eine neue Reihe starten: Die der Lebensthemen. Heute kommt hier der erste Artikel dazu: Mit seinen Grenzen befreundet sein.

Aus der Lebensmitte in die zweite Lebenshälfte

In meiner eigenen Biographie stehe ich direkt in der Lebensmitte. Das ist die Zeit, in der einem bewusst wird, dass mindestens das halbe Leben schon gelebt wurde und es ist Zeit für eine Zwischenbilanz. Die verbleibende Hälfte will gut gelebt werden, denn jeder Tag fühlt sich kostbarer an als bisher. In den letzten Jahren war mein Leben geprägt durch eine unbändige Schaffenskraft. Als gebürtiger Schwabe ist das „schaffen“ mir wohl auch vererbt. Allerdings gibt es zwei Arten zu „schaffen“. Die eine Art hat mit einem schöpferischen Akt zu tun. Es geht dabei darum, etwas hervorzubringen, das einem bisher so nicht zur Verfügung stand. Wer etwas so erschafft, erlebt das, was mittlerweile weitläufig als „Flow“ bekannt ist. Einen Zustand in dem Raum- und Zeiterleben verändert sind und in dem einem selbst hinterher mehr Energie zur Verfügung steht als vorher. Die zweite Art hat mehr damit etwas zu tun, eine Aufgabe zu erledigen, die einem schon bekannt ist. Vielleicht wurde diese Aufgabe viele tausend mal schon erledigt. Man selbst ist sein bestes Werkzeug, das zum wiederholten male diese Aufgabe erledigt. Mit jeder Iteration wird man effizienter und das „Schaffen“ wird zum Muster, das fast unbewusst ablaufen kann.

Die eigene Arbeit gestalten

Ich persönlich glaube nicht, dass es darum geht den ganzen Tag nur Schöpferakte zu vollbringen. Es kommt aus meiner Sicht auf die ausgewogene Mischung beider Arbeitsformen an. Wenn sich das eigene Arbeitsleben aber immer mehr so anfühlt, als würde man Muster wiederholt abrufen und immer weniger Flow erleben, dann ist es Zeit etwas zu ändern. Nur: Wo soll man da anfangen? Ich habe da einen guten Rat (mit sowas halte ich mich als Coach normalerweise zurück): Wie wäre es denn, bei sich selbst anzufangen? Ja, und wo soll man denn da anfangen? Eigentlich würde man sich doch wünschen, dass alles wäre wie früher? In meinem eigenen Fall: Wo ist die unbändige Schaffenskraft? Beruflich konnten es in den letzten Jahren nicht genug Bühnen sein. Am besten gleich mehrere pro Tag. Morgens noch ein Coaching und Nachmittags der Start in einen Workshop. Ich spüre dass es Zeit ist daran etwas zu ändern. Ich merke, dass ich zwischenzeitlich immer mehr Zeit für schöpferische Akte brauche. Einen Blogartikel schreiben, ein Kapitel eines Buches verfassen. Das sind keine Aktivitäten, die man so in 5 Minuten dazwischen quetscht. Ich weiß, dass ich mein altes Muster sehr schnell aktivieren kann. Ich kann schaffen bis zum Umfallen. Aber wer weiß, vielleicht würde ich das auch. In meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung bin ich über einen Satz gestolpert, der innerlich bei mir Musik macht: „Ich befreunde mich mit meinen Grenzen.“ Er sorgt bei mir für viel Ambivalenz. Auf der einen Seite: Was soll gut an den eigenen Grenzen sein? Die Sehkraft nimmt altersgemäß gerade ab, beim Joggen war ich auch schon schneller und meine Muskeln wachsen nicht so schnell wie mein Bauch. Das ist doch eigentlich alles unerwünscht? Ja, und… da ist die andere innere Stimme, die das sehr verlockend findet. Ein Körper verändert sich im Laufe seines Lebens. Er lässt sich pflegen und bewegen. Das ist jetzt mehr nötig als früher. Ein Freund von mir nannte es: Das Zeitalter der Erhaltung. Es geht darum alles was nötig ist zu tun um die eigene Leistungsfähigkeit zu erhalten. Ich muss mich mit dieser körperlichen Grenze anfreunden. Etwas dafür tun, dass es nicht enger wird. Und wer seine Grenzen als bedrohlich empfindet, der hat einfach keinen Spass mehr. Denn sie kommen ab jetzt immer näher bis zum Lebensende. Es wäre besser mit Ihnen befreundet zu sein.

Freundschaft mit den eigenen Grenzen

Auf den Arbeitsbühnen heißt das: Achtsam sein und so arbeiten, dass es mir gut tut. Das heißt eben auch, dass ich nicht drei Workshops pro Woche machen kann. Einer ist genug. Die gute Mischung muss eben gewahrt sein. Der Gewinn ist klar: Mehr Lebens- und Arbeitsqualität. Ich freue mich auf das Leben in dem meine Grenzen nicht meine Feinde sind, sondern Wegzeiger, die es mir möglich machen, mein Leben so zu gestalten, dass es mir, meiner Familie und meinen Kunden gut tut. Ich denke, die guten Auswirkungen werden alle spüren.
Ich rate jedem, der bei mir eine Ausbildung als systemischer Berater macht, die Interventionen auch und gerade an sich selbst auszuprobieren. Da weiß man aus eigener Erfahrung, wie es den eigenen Klienten geht. Ich bin froh, dass ich mich auf gute Weise meinem Lebensthema stelle. Einmal genügt nicht. Es wird ein Dauerbrenner in den nächsten Jahren sein. Und ich freue mich mehr denn je auf meine Arbeit in diesem Jahr in den Selbsterfahrungsworkshops, die ich im Namen des ISB durchführe: „Person und Organisation“. Ich freue mich darauf mit meinen Teilnehmern an ihren Lebensthemen zu arbeiten.
Zum Abschluss noch eine Frage an meine Blogleser: Welche Lebensthemen spüren Sie auf sich zu kommen? Ich würde mich über ihre Kommentare freuen.

Herzlich,
Markus Schwemmle

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