Was wir von Uli Hoeneß lernen können: Der Umgang mit dem Gemeinwesen

Viel wird über die „Tat“ des Uli Hoeneß geschrieben und meist geht das einher mit einer Be- oder Abwertung der Person. Unabhängig von den persönlichen Erfolgen und dem Scheitern in Steuerdingen könnte man den Fall aber auch ganz anders sehen, nämlich mit einer „systemischen“ Brille. Und was könnte man dann daraus lernen?
Viele meiner Leserinnen und Leser waren oder sind bei mir in der Ausbildung zum systemischen Organisationsberater. Für alle anderen möchte ich an der Stelle noch einmal eine Definition von „systemisch“ voranstellen. Allerdings muss ich gleich wieder einschränken: „Systemisch“ ist kein Begriff, der sich mit nur einer Definition erklären lässt, sondern beinhaltet eine Vielzahl von Perspektiven, Quellen, Interventionen, wissenschaftliche Disziplinen.
Eine meiner Lieblingsdefinitionen ist aufgrund ihrer praktischen Relevanz: Die Leistungsfähigkeit bezüglich des Outputs eines Systems ist vor allem durch die Art der Beziehungen seiner Systemelemente gekennzeichnet und nicht durch deren Einzeleigenschaften.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Denn wenn diese Annahme gültig wäre, dann wäre die Beziehung zwischen den Elementen, z.B. Personen wesentlich wichtiger als die Eigenschaft von Einzelpersonen. In die Welt des Fussballs übertragen könnte man das so verdeutlichen: Mannschaften können Stars – also große Fußballkönner (z.B. Ronaldo) – einkaufen so viel sie wollen. Wenn die anderen Mannschaftsmitglieder nicht lernen, diese entsprechend einzubinden, also die Beziehungen auf dem Platz herzustellen, dann nützt diese einzelne Exzellenz nicht viel. Die deutsche Fussballnationalmannschaft unter Herrn Kliensmann hat das damals versucht klar zu machen mit der symbolischen Rückennummer 12: Dem Spieler mit dem Namen „Teamgeist“. Klar ist natürlich auch, dass auf einem Fussballplatz auch Fussballer/-innen am Werk sein müssen. Es genügt nicht, ein gut funktionierendes Kaffeekränzchen auf einen Fussballplatz zu verpflanzen in der Hoffnung, dass die guten Beziehungen auch zu Toren führen. Das bezeichnet man systemisch als den Kontext. Das Verhalten der einzelnen Mitspieler muss zum Kontext auch adäquat passen. Mit anderen Worten: Ich kann einen Spitzenspieler auf dem Platz noch so sympatisch finden (und umgekehrt), aber wenn ich nicht Kontext-angemessen mit ihm in Beziehung treten kann (z.B. durch einen Traumpass nach vorne in den Lauf) nützt mir die Sympathie leider wenig…
OK? Nun zurück zu Uli Hoeneß. Man kann über sein Verhalten denken wie man will. Die einen sagen: Da muss ein Exempel statuiert werden, der Mann ist weithin bekannt. Die anderen sagen: Jeder versucht doch vor dem Fiskus Geld zu sparen. Beide Haltungen sind begründbar aber nicht sehr systemisch. Was ist denn in Herrn Hoeneß gefahren? Nach meiner Einschätzung könnte man das auch so sehen: Im Laufe seiner Karriere hat er – wie vielleicht viele berühmte Personen des öffentlichen Lebens –  seinen Bezug zum Gemeinwesen verloren. Vielleicht durchaus nachvollziehbar sind Menschen mit dieser Einkommensklasse bestrebt, sich persönliche Räume zu schaffen, die eben nicht von allen einsehbar sind. Diese Personen sind dadurch auf ein funktionierendes Gemeinwesen immer weniger angewiesen, sind aber doch Teil davon (ja, auch ein Hoeneß muss auf Straßen fahren, die für uns alle verfügbar sind). Die Kinder gehen nicht mehr auf die Gemeindeschule, sondern auf teure Privatschulen. Der Wohnort enthält viele Quadratmeter Fläche und ist uneinsehbar. Vieles was vorher im Gemeinwesen mit anderen nutzbar war, will privat und in einer ganz eigenen Qualität angeschafft werden. Ja, wenn man sich seine Welt schon baut, dann will man doch verständlicherweise nicht mehr in gewohnter Form für Gemeinwesen aufkommen. Der Gemeinsinn nimmt ab, und der Selbstbezug, d.h. der Eigen-sinn steigt. Ich habe folgende Hypothese, die ich in solchen Kreisen häufig bestätigt sehe: Gemeinwesen ist bestimmt von der Fähigkeit von Menschen zur Kooperation mit anderen Menschen und das am besten mit Augenhöhe. Abschottung führt damit zu einer Art „Realitätsverlust“. Systemisch gesehen gibt es aber keine Realität. Es wird eine Wirklichkeitskonstruktion („Gemeinwesen“) durch eine andere ersetzt („Privatheit“, „Eigentum“) ersetzt und wird handlungsleitend. Ja und dann setzt er ein: Der Reflex für sich mehr haben zu wollen. Es fehlt dann völlig die Wertschätzung für den öffentlichen Gemeinschaftsraum, der allen zur Verfügung steht und für den wir alle Verantwortung tragen.
Ein Beispiel noch zur Verdeutlichung: Was tun Sie, wenn Sie mit ihrem Kind (2 Jahre alt) auf dem Spielplatz sind. Der Spielplatz ist brandneu und noch nicht abgenutzt. Es kommt eine Gruppe von „halbstarken Jugendlichen“ sagen wir im Alter von ca. 12-14 Jahren auf den Platz und nutzt die Spielgeräte für neumodische Turnübungen und als Hindernis für ihre Skateboards. Es ist laut, die Geräte nehmen bereits sichtlich Schaden und sie fühlen sich gestört.
Ich mache mich mit meinem Kind aus dem Staub.
Ich vertreibe die Jugendlichen lautstark und drohe mit der Polizei.
Ich mache den Jugendlichen ihre Verantwortung für diesen Spielplatz deutlich und trete in Dialog.

Zugegeben, ein plattes Beispiel mit Brigitteniveau. Ich hoffe trotzdem, dass es verdeutlicht was gemeint ist. Die Frage ist für mich nämlich: Welcher Freund von Uli Hoeneß hat ihn auf diesen „Realitätsverlust“ bzw. die Vertauschung von Wirklichkeiten hingewiesen? Wer von uns macht sich und anderen deutlich wie wichtig es ist, dass wir in öffentlichen Räumen die Gelegenheit haben zu demonstrieren wie wir uns verantwortlich aufeinander beziehen? Wie oft sind wir selbst eher Opfer oder höchstens bereit durch Abwertung der anderen in einen Konflikt ohne Lösung zu gehen? Deswegen ist aus meiner Sicht Gemeinwesen wesentlich mehr als nur eine Erfindung von Leuten, die sich keine private Luxuswelt leisten können, sondern Teil des Beziehungsgefüges das uns in unserer Kultur auszeichnet. Time to think about it…

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Kommentare (0)

  • Kompliment Herr Schwemmle, das haben Sie super auf den Punkt gebracht! Dennoch… am Umgang mit Herrn Hoeness lernen wir Menschen kennen. Da gibt es Leute, die ganz wild darauf sind, dass der superreiche Promi richtig hart bestraft wird und andere, die sagen „leben und leben lassen, jeder darf sich auch mal einen Fehler erlauben, wenn er bereit ist, daraus zu lernen“ Wer erlaubt es uns denn, über jemanden zu richten, nur weil uns dessen Motive (wie Geldgier) zu niedrig sind? Nicht, dass ich über Gebühr gläubig wäre, aber mir gefällt eine Geschichte aus der Bibel „Jesus und die Ehebrecherin“. Da wurde diese auf den Markplatz des Dorfes geführt und sollte gesteinigt werden. Alle Bewohner des Dorfes hatten sich versammelt und die Steine schon wurfbereit in der Hand. Jesus soll damals gesagt haben „Wer von Euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“ Daraufhin sind die Menschen in sich gegangen und haben die Steine weg gelegt. Heute wäre die arme Frau in Sekunden tot, weil keiner mehr vor der eigenen Tür kehren will, so einfach, wie es ist, andere zu kritisieren 😉 Schönes Wochenende wünscht Ihnen Ina Simon

    • Danke liebe Ina Simon für ihre Kommentar.

      Ich will darauf noch einmal „systemisch“ antworten: Aus dieser Sicht ist für mich die Frage, welche Kontextbedingung zu einem Verhalten führt oder dies wahrscheinlicher macht. Damit will ich nicht sagen, dass wir alle Opfer der Umstände sind, sondern auf jeden Fall unser Verhalten von uns gewählt und entschieden wird. Wer ein wertorientiertes Leben führen möchte, der sollte seine Werte kennen und sich auch so steuern, dass er sich im Falle eines Falles daran anschließen kann. In dem Zusammenhang finde ich haben wir eine ganz andere Verantwortung: Wie bleiben wir persönlich in der Kraft, um nach unseren Werten und selbstgewählt zu agieren? Wenn wir uns entscheiden nicht mehr zu reflektieren oder uns selbst zu hinterfragen, dann ist das aus meiner Sicht der größere Teil von eigener „Schuld“. Um im Bild von „Jesus und der Ehebrecherin“ zu antworten: Ich glaube, dass in Menschen das Potenzial zum Guten genau so wie zum Schlechten liegt. Die Menschen, die heute nur allzu sehr bereit sind einen „Sünder“ hart zu bestrafen, sind in anderen Kontexten z.B. liebevolle, großzügige und verzeihende Väter. Sting schrieb die Liedzeile „I hope the russians love their children too“. Wie schaffen wir es gemeinsam (im Sinne des Gemeinwesens) das Beste aus den Menschen hervorzuheben. Ich bin zum Beispiel sicher, dass sich noch niemand bei Herrn Hoeneß bedankt hat, dass er so viel Steuern tatsächlich in seinem Leben bezahlt hat. Das selbe gilt für die Krankenschwester und den Polizisten mit deutlich niedrigen Gehältern. Das würde vielleicht einen Kontext erzeugen, in dem Menschen auch wieder ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es sich lohnt ein Bürger auf Augenhöhe zu sein und nach eigenen Fähigkeiten zum Gemeinwesen beizutragen. Oder wie wäre es, wenn auf unserer Steuererklärung einmal abgedruckt wäre, was mit dem Geld konkret ermöglicht wurde? Ich glaube, das würde die Haltung vieler Menschen verändern…

      Herzlich,
      Markus Schwemmle

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