Brüder im Geiste: Wie gelebtes Vertrauen Organisationen verändert

Wenn sich Organisationen verändern sollen, müssen die Menschen mit. Ich freue mich jedes mal, wenn die Investition in Kultur zu tragen beginnt. Im Moment erlebe ich wieder eine solche Zeit. Veränderungen in Organisationen ergeben sich nicht einfach nur zum Spaß, sondern sind erlebte Herausforderungen die eine Anpassungsleistung der Mitglieder eines Organisationssystems erzwingen. Wenn die Anpassung nicht oder nur ungenügend erfolgt, setzen Kräfte ein, die möglicherweise ein Zerbrechen oder Eingehen der Organisation zur Folge haben. Man kann sich da viele Maßnahmen ausdenken. Entscheidend ist aber, ob die Menschen mitgehen…

Am ISB in Wiesloch und München ist unsere Definition von Kultur: Gelebte Antworten auf die drängenden Fragen in Organisationen. Nicht die Antworten in den Hochglanzbroschüren. Nicht die Antworten im Leitbild, wenn es nicht gelebt wird. Nicht die Antworten, die mit „sollte“, „müsste“ oder „könnte“ beginnen.

Deswegen geht es bei Kulturveränderung auch immer darum, gelebte Antworten sichtbar und die Auswirkungen dieser Antworten direkt spürbar zu machen. Die Methode, die wir dafür einsetzen nennt sich „Verantwortungsdialog“, der eigentlich ein „Verantwortungsmultilog“ ist. Viele Fragen, viele Antworten. Und wenn es gelingt, Verantwortung sichtbar zu machen und zu transportieren, z.B. in einer Großgruppenveranstaltung geschieht manchmal etwas im höchsten Maße spannendes: Der Ruck. Das ist der Moment, wo sich Frustration und Trauer mit Aufbruchstimmung und Neuanfang mischt.

Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, die Beteiligten in einen Rausch zu versetzen, aus dem sie dann Tage später mit einem Kater aufwachen. Es geht um realistische Betrachtung von Verantwortung, gemeinsame Bewertung von Werden und Vergehen und letztendlich der Entscheidung als Bestandteil einer Organisation die nächsten Schritte freiwillig mitzutragen. Klar ist auch, dass wenn gewünscht ist, dass ein Projekt oder Entwicklungsschritte „freiwillig“ mitgetragen werden (also ein „ja“) nur echte Freiwilligkeit wirklich zählt – das heißt, es muss ein „Nein“ genau so möglich sein und respektiert werden.

Wenn das spürbar ist, dann wird echtes Commitment möglich. Die Grundlage bzw. die Zutaten für einen solchen Entwicklungsprozess sind einfach aber nicht immer leicht herzustellen: Vertrauen und Respekt. Es kann Jahre dauern, bis verlorenes Vertrauen wieder hergestellt ist. Manchmal ist ein Vertrauenszustand nie ganz zu erreichen. Man muss sich mit einem mittleren Vertrauensniveau zufrieden geben. Bernd Schmid hat gerade dazu einen schönen Blogartikel verfasst, in dem er beschreibt, dass es neben dem Grad des Vertrauens oder Misstrauens nicht alleine entscheidend ist, sondern dazu noch der Grad der Wachheit. Blindes Vertrauen kann viel schädlicher sein als waches Misstrauen, das vielleicht dazu führt, dass jemand sich Vertrauen verdient. Ein schöner Gedanke.
Lesen Sie hier seinen grundlegenden Blogartikel dazu (über den ich gleich mehrere Artikel schreiben könnte):

http://www.systemische-professionalitaet.de/berndschmid/bernd-schmids-blog//

Er nennt auch Bedingungen unter denen sich Vertrauen entwickelt, die ich gerne in folgende Vertrauensformel bringen möchte. Bei mir ist das ein Bruch mit einem Zähler und einem Nenner. Im Zähler steht:

Zugehörigkeit x Respekt x Glaubwürdigkeit x Verlässlichkeit

Hier einige Definitionen:

Zugehörigkeit = Grad der Sicherheit in einer Gemeinschaft zu bleiben

Respekt (oder Würdigung als Subjekt) = Wie werden Menschen als solche gewürdigt und auch ihren Entwicklungsinteressen Raum und Resonanz gegeben

Verlässlichkeit = Folgen Taten auf Worte

Glaubwürdigkeit = Werden die richtigen Worte gewählt (da wo sie fehlen, entsteht manchmal ein Misstrauen, das da nicht hin gehört)

In den Nenner würde ich schreiben: Persönliche Interessen des Gegenüber.
Jemand der trotz Verantwortung für das große Ganze mit seinen persönlichen Interessen spürbar wird, kann im Nenner noch so viel richtig machen – er wird das Vertrauen nicht mehr gewinnen. Die Vorstände vieler börsennotierter Unternehmen machen es mit ihren Gehältern und Bonuszahlungen vor.
Gut, dass ich letzte Woche erfahren durfte, wie es auch anders sein kann. Ich weiß ganz genau, dass Vertrauen von der Bereitschaft und der Sehnsucht der Beteiligten abhängt. Da kann man noch so toll moderieren oder eine Veranstaltung vorbereiten. Wer nicht will, wird sich nicht einlassen.

Insofern bedanke ich mich herzlich an dieser Stelle für das Wollen, die Gastfreundschaft und die positive Resonanz meiner Auftraggeber und aller Teilnehmer.

Tags: , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.