Eine Urlaubslektüre: Das Megatrend Prinzip

Buchrezension: Das Megatrend-Prinzip

Strategieentwicklung ist eine Kerndisziplin der Organisations-entwicklung. Ob die Vorgehensweise „klassisch-traditionell“ oder „systemisch-vernetzt“ ist, in beiden Fällen kommt man um die Entwicklung von Zukunftsprojektionen nicht herum. Schließlich ist Bestandteil einer Strategie ein tragfähiges Zukunftsbild. Früher mehr als heute habe ich selbst bei dieser Arbeit wissenschaftliche Trendprojektionen meinen Strategieprojekten verwendet. Ich habe damals schon bemerkt, dass diese früher geprägt waren von düsteren Vorhersagen: Alles wird global, dadurch wird alles super billig. Die Chinesen kommen und werden uns überrollen. Das Erdöl wird knapp und wir werden weder heizen noch Auto fahren können. Und so weiter und so fort. Nun habe ich ein Buch entdeckt, dass die ganze Sache einmal umdreht: Einer meiner Lieblingsautoren Matthias Horx zeigt, dass es auf die Interpretation der Daten ankommt, ob nun ein Horrorszenario entsteht oder Chancen zu Tage treten. Er zeigt Zukunftsbilder, die durch positive Interpretationen und kluge Reflexionen wesentlich mehr Lust auf die Gestaltung der Zukunft machen. Und er macht eines klar: Ob die Zukunft positiv wird oder nicht hängt in erster Linie von unseren Fähigkeiten und Einstellungen ab. Und von unserem Können, nicht von unserem Wissen. Ein exzellentes Urlaubsbuch übrigens weil es einen nachdenklich und positiv gestimmt gleichzeitig macht. Am Ende eines Urlaubs gelesen, macht das Lust sich konstruktiv der Weiterentwicklung (s)einer Organisation zu widmen. Hier ein paar Thesen des Buches…

Zu Beginn beschäftigt sich Horx mit dem Phänomen der Produktivität. Für mich tut er das in perfekt systemischer Art und Weise, weil er sich mit den Themen als Wirklichkeitskonstruktionen auseinandersetzt. Für ihn ist nichts einfach nur „wahr“, sondern immer eine Sache von Interpretation. Und er zeigt, dass die Interpretation von Statistiken und Daten in der Vergangenheit immer wieder gerne genutzt wurde um dem Fatalismus Tür und Tor zu öffnen. Es wird deutlich, dass durch diese Denkweise nichts besser geworden ist – im Gegenteil.

Aus seiner Sicht entsteht Produktivität nicht einfach nur dadurch, dass etwas knapp wird (wie früher postuliert), sondern dadurch, dass es damit einfach effizienter wird. Denn: Viele Rohstoffe verbrauchen wir gar nicht. Es ist eine Wirklichkeitskonstruktion, dass wir z.B. Wasser „verbrauchen“. Es lässt sich gar nicht verbrauchen. Es wird nur verunreinigt. Aus dieser Sicht werden zwar gewisse Substanzen eine Knappheit erleben, aber das könnte genau so die Innovationsrate bei der Materialkonversion erhöhen. Beispiel ist die immer noch boomende Umwelttechnologiebranche. Und dass diese Branche z.B. in Ländern wie China keine Bedeutung hat, heißt für ihn höchstens: Noch nicht. Für ihn ist also „Rohstoffknappheit“ eher ein Kontextirrtum linearer Denkmuster und unterkomplexer Weltmodelle gepaart mit einer Schuld- und Strafideologie. Deshalb ist Prävention für Horx vor allem eine höhere Form von Effektivität. Ebenso Kulturentwicklung.

Einen großen Teil des Buches widmet er der „Menschen-Ökonomie“. Er zeigt, dass der Markt nur sehr schwer komplexe menschliche Fähigkeiten ersetzen kann. Der Trend in der Weiterbildung geht aus seiner Sicht weg vom WISSEN hin zum KÖNNEN. Das ist ein Fakt den wir in unserer Weiterbildung „Systemische Organisationsentwicklung und Change Management“ bzw. am ISB in Wiesloch schon lange beachten. Wir bilden dort Menschen aus, die selbst ihr bestes Instrument sind und erschlagen Sie nicht mit nutzlosen Weltkonzepten. Dass man für Können auch was Wissen muss ist klar. Aber eben anwendbar, kombiniert mit einer Menge Erfahrung und im wahrsten Sinne des Wortes Aus-Bildung. Zurück zu Horx. Aus seiner Sicht sind in Zukunft Menschen begehrt, die:

  • Kompetenzen bilden
  • Verantwortung übernehmen
  • Wissen akkumulieren und vor allem umsetzen

Talent bedeutet in Zukunft in erster Linie das Potenzial zum Entwickeln des Eigenen. Dabei wird der alte Deal an dem immer noch viele Menschen festhalten „Sicherheit gegen Abhängigkeit“ immer mehr aufgelöst. Je mehr jemand eben sein eigenes entwickelt hat. Das heißt für Horx auch, dass es neue Organisations- und Kompetenzformen geben wird und wir müssen in erster Linie unsere Wandlungsfähigkeit trainieren. Aus seiner Sicht besteht darin nicht die größte Gefahr, sondern an dem Wissen zu ersticken, denn übermäßiges Wissen ist keine Garantie für ein solides Können.

Und hier noch ein Ausschnitt zum Thema Angst. Ein Phänomen, für das kulturell gesehen wir gerade in Deutschland eine gewisse Neigung zu haben scheinen. Anst ist aus seiner Sicht ein effektiver Vernichter von Sozialkapital, z.B. die Angst einer Pseudosicherheit festzuhalten, die in den letzten 70 Jahren in Deutschland kultiviert wurde. Das führt vor allem dazu, dass Menschen bis zuletzt für tote Pferde kämfen, statt eine kluge Art des Loslassens praktizieren und Kooperation & Gegenseitigkeit zu lernen.

Weitere Thesen und interessante Perspektiven, die er gut beschreibt und schon seit einiger Zeit Bestandteil ganzheitlich-systemischer Vorgehensweisen sind:

Grundlegende Fehlannahmen von Zukunftsdiskursen:

1. Evolution hat immer Gleichgewicht zum Ziel

2. Es gibt objektive Grenzen von Ressourcen

3. Komplexität ist instabil, Einfachheit ist stabil

Systeme ohne Vielfalt haben keine gute Zukunftsprognose. Nach einem Himmel der Kooperation folgt immer eine Hölle des Betruges

Emergenz & Resilienz

Emergenz ist ein Aspekt komplexer Systeme: Lebendige Robustheit oder adaptive Kreativität: Die Wechselbeziehung zwischen den Einzelteilen führt zu neuen Eigenschaften

Die Resilienz eines Systems besteht aus der Kombination aus:

  • Differenzienung
  • Autonomie
  • Vernetzung

Zukunftsfähig sind demnach Organisationen, deren Subsysteme eine gewisse Fähigkeit zur Selbststeuerung haben.

Zu vermeiden sind verfilzte Systeme in denen jeder Impuls sofort Kaskadenhaft durch das gesamte System hindurchwandert. Resilienz wird den Begriff der Nachhaltigkeit ablösen. Hinter der Nachhaltigkeit steckt eine alte Harmonie-Illusion. Robust sein im Wandel ist die Devise.

Mein Fazit: Das Buch ist für alle geeignet, die der Fatalismus-Falle in der Beschäftigung mit Megatrends entkommen wollen. Traditionelle Denkmodelle werden auf den Prüfstand gestellt. Es beinhaltet einen erfrischenden Mix von alternativen mentalen Modellen und einer gesunden Portion Metabetrachtung und auch Selbstkritik. Hier wird nicht eine Mode durch die andere ersetzt, sondern es werden kluge Denk- und Betrachtungsweisen beschrieben, die Sinn stiften. Die Sprache von Matthias Horx lässt einen gerne immer mehr lesen und vor allem ist er außerordentlich quellentreu und zitiert ausführlich. Sogar der Anhang mit den Literaturangaben ist lesenswert.

Das Megatrend-Prinzip von Matthias Horx

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