system worx Summer School 2012: „Deformation Professionelle“ oder was die Seele gesund erhält

Als ein befreundetes Paar von uns meine Tochter das erste mal im Alter von 3 Monaten trafen wurde sie mit den Worten begutachtet: „Das ist ja schade, da muss man ja noch nicht mal die Ohren operieren!“ Meine Frau und ich, wir waren ziemlich überrascht über diese Diagnose und sie lässt sich nur dadurch erklären, dass diese beiden Menschen als plastische Chirurgen arbeiten. Ich bin mal gespannt, was sie sagen, wenn unsere Tochter erwachsen ist 😉

An dieser eher lustigen Begebenheit lässt sich ein spannendes Phänomen zeigen, das als „Deformation Professionelle“ bezeichnet wird: Wie verändert uns unsere Berufstätigkeit und wie transferieren wir diese Veränderungen in unser Privatleben? Als Rechtsanwalt sieht man nur noch Rechtsstreitigkeiten, als Lehrer will man nur noch belehren und als Berater und Coach könnte man auf die Idee kommen, dass man nur von disfunktionalen Organisationen und problembeladenen Führungskräften umgeben ist. Umso wichtiger ist es, sich diesem Thema zu stellen um diese Arbeit nachhaltig durchführen zu können. Wir haben uns einen eigenen Workshoptag in der system worx Summerschool 2012 gegönnt und einige Präventionsstrategien zusammengetragen und ausprobiert. Hier die Zusammenfassung…

Zunächst einmal will ich noch zwei persönliche Thesen vorwegschicken:

1. Lösungs- und Ressourcen-orientiertes arbeiten ist auch für den Berater gut!

Es gibt ja viele Arten der Beratung in Organisationen. Die häufigste ist die Fachberatung: Ein Berater hat ein Fachthema und versucht dieses Knowhow in seinen Kundenorganisationen anzuwenden. Die eigene Haltung und Annahme ist geprägt von dem Glaubenssatz: „Ich kann es besser als ihr“ oder „ihr seid schlechter als ich“. Logisch, sonst könnten es die Organisationen ja auch besser alleine. Wozu sonst einen Fachberater einkaufen? Insbesondere der zweite Glaubenssatz führt häufig zu einer künstlichen Überhöhung der eigenen Beraterkompetenz und ist meist nicht eine optimale Voraussetzung zu einer guten Kooperationsbeziehung. Ich selbst durfte vor Jahren die Lösungs- und Ressourcenorientierte Beratung kennenlernen bei der zunächst mit einbezogen wird, was ein Kundensystem oder auch ein Systemvertreter wie ein Coachingklient denn alles gut kann.

So gesehen sieht die Welt gleich anders aus: Man entdeckt überall Lösungsmöglichkeiten und Ressourcen. Ich kann nur für mich sagen: So macht jede Arbeit mehr Spaß und Sinn anstatt nur auf Defizite zu achten oder gar durch eine entsprechende Analyse noch mehr Unrat aufzudecken. Und ehrlich gesagt möchte ich lieber an einer lösungsorientierten Welt teilhaben in der etwas nach vorne geht als mich im Morast von Problemanalysen zu verstricken. Über die negative Wirksamkeit von Problemtrancen haben schon viele Kollegen in den letzten 50 Jahren einiges publiziert und die Zeitungen sind täglich voll davon.

2. Die Konzepte die wir bei Kunden einsetzen sollten Berater auch konsequent auf sich selbst anwenden.

Nicht zuletzt ist es die eigene Überzeugung, die als Berater im Kundensystem wirkt. Und die erhält man nicht, wenn man die Beratungswerkzeuge nur im Kundenkoffer hat. Wir legen zum Beispiel Wert auf kollegiale Beratung und Supervision sowohl in unseren OE- und Changeprojekten als auch für unsere Coachinganliegen. Da bleibt es einfach nicht aus, dass man Interventionen auf die eigenen Anliegen anwendet. Das halte ich für essentiell, denn ich erlebe mich nur dann als wirklich wirksam, wenn ich das was ich predige auch wirklich verkörpern kann.

Die Frage ist halt: Ist denn dann auch mein Privatleben voller Interventionen? Oder wie es eine Mitreisende im Intercity neulich fragte: „Können sie denn zu Hause einfach abschalten oder sind sie da auch immer am Analysieren?“ Ja und nein. Ich selbst habe das Glück, dass meine Frau vom Fach ist. Der beste gemeinsame Arbeitsplatz ist das heimische Sofa. Dort sind bisher immerhin 3 Bücher entstanden. Und auch unsere Art des Umganges als Paar hat etwas mit unserem Beruf zu tun, der für uns mehr Berufung ist. Manche Menschen erleben ihren Beruf da eher als Zumutung vor der man sich am Wochenende und in der sogenannten „Freizeit“ schützen muss. Wir lieben was wir tun, deswegen läuft der professionelle Film meistens mit. Allerdings: Auch bei uns gibt es „italienische Momente“ ohne Interventionen. Und auch auf dem Sofa werden die besten Krimis gelesen und da geht es schließlich meistens um Mord und Todschlag und gerade deshalb ist man damit gut unterhalten…

Zurück zum Thema „Deformation Professionelle“. Eigentlich bedeutet dieser Ausdruck so etwas wie „berufliche Entstellung“. Hier mal ein Link zu einem unterhaltsamen Artikel in der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2007: http://www.sueddeutsche.de/karriere/deformation-professionnelle-beruflich-bedingte-missbildung-1.786888

Im Beraterberuf gibt es da größere Gefahren als die Begeisterung für die eigene Berufung. Sie liegt nach meiner Einschätzung eher in Abnutzungserscheinungen und innerer Langeweile durch häufige Wiederholungen. Wenn man gefühlt das 100ste mal eine Fusion begleitet oder eine Restrukturierung oder wenn man Führungskräften zu tun hat, die alle die selben Probleme mit schwierigen Mitarbeitern, Kollegen oder dem Vorstand haben, dann wir es Zeit sich selbst dafür frisch zu halten. Ich sehe das so: Meine Kunden und Klienten haben das Recht auf meinen unverstellten Blick und auch meinen Mut und Optimismus – neben den hoffentlich hilfreichen Interventionen oder Prozessvorschlägen. Viele meiner Kollegen aus internen Beratungsabteilungen suchen dann ihr Heil in der Selbständigkeit, nur um einige Jahre später festzustellen, dass man sich auf einem höheren Niveau wieder selbst begegnet und mit genau diesen Fragestellungen umgehen muss. Manche landen dann mit Verspätung im Burnout oder Boreout. Da wäre es doch gut, wenn man früher einen guten Umgang mit sich gepflegt hätte. Was ich an dieser Stelle auch spannend finde: Die Arbeit als Führungskraft unterscheidet sich bezogen auf die täglichen Herausforderungen nicht so sehr von der Tätigkeit als Berater. Insofern sind alle Konzepte, die ich hier im Überblick beschreibe auch sehr gut nutzbar für Führungskräfte bzw. alle die Verantwortung tragen.

Als ich den Seminartag zur „Deformation Professionelle“ entwickelte wurde mir sehr schnell klar: Es kommen nicht so sehr Diagnose-orientierte Verfahren in Frage („wenn es weh tut, woran liegt es und wie kann ich dann den Schmerz lindern“), sondern vor allem präventive Verfahren und Konzepte. Auch um den Ansatz der Salutogenese nach Aaron Antonovsky kommt man nicht herum. So habe ich drei Monate einmal mein eigenes Repertoire und auch die aktuelle Forschung rund um das Thema Burnout nach geeigneten Konzepten durchforscht. Es ist ein Seminarprogramm entstanden auf der Grundlage des Salutogeneseansatzes mit dem Anspruch wirklich praktisch im Alltag umsetzbar zu sein. Die Zielsetzung dieses Programmes ist es das eigene Kohärenzerleben zu verstärken, das aus drei Gefühlsebenen besteht:

Für die praktische Umsetzung im Alltag habe ich mich für 5 nützliche Perspektiven entschieden, die dann jeweils durch eine Reihe von Übungen praktisch erlebbar und für jeden persönlich trainierbar sind. Die Annahme dahinter ist, dass jeder etwas für sich tun kann um sein eigenes Kohärenzerleben zu stärken. Das Dumme daran ist: Ohne Übung auch kein Meister. Also die Frage wird bleiben: Wie werden die Übungen zu diesen Konzepten dauerhaft verankert? Im Kontext der Beratungsarbeit von system worx haben wir allerdings darauf bezogen einen Vorteil: Wir treffen uns regelmäßig einmal im Quartal zur Supervision und gemeinsamen Arbeit. So können wir dafür sorgen, dass das Thema immer wieder auf die Tagesordnung kommt…

Hier die fünf Perspektiven mit kurzen Beschreibungen:

Selbstfürsorge

Es klingt vielleicht banal, aber es geht darum im beruflichen Alltag für das eigene Wohlbefinden zu sorgen. Das fängt schon mit der eigenen Einstellung an: Gilt es nur als Arbeit, wenn es so richtig schwer ist? Kann sich jemand erlauben Tore zu schießen ohne gleichzeitig das T-Shirt durchzuschwitzen? Wie kann man das was man tut, mehr genießen? Einen riesigen Fundus an passenden Interventionen bietet die Disziplin der Positiven Psychologie aus dem ich mich auch bedient habe für das Seminar. Wir haben dazu Elemente aus dem „Genusstraining“ verwendet.

Soziales Netzwerk

Viele Menschen vereinsamen in ihrer Arbeit. Vor allem, je besser sie werden oder je höher sie in der Hierarchie steigen. Bei dieser Art der Arbeit geht es nicht nur darum, sich seines persönlichen Netzwerkes klar zu werden, sondern vor allem die Frage zu beantworten: Wer von diesen Menschen tut mir gut? Übrigens ist dabei auch interessant, dass mit Netzwerk nicht die 700 Xing-Netzwerker oder die vielen „Freunde“ bei Facebook gemeint sind, sondern die Menschen mit denen man sich im realen Leben trifft. Es gibt Studien, die zeigen, dass dies üblicherweise nicht mehr als ca. 30 Personen sein können.

Selbstwirksamkeit

…kann auch übersetzt werden in: „Vertrauen in die eigenen Stärken entwickeln“ und ist nicht gleichbedeutend mit einer inneren Überhöhung des Selbstvertrauens. Es geht dabei darum um eine realistische Einschätzung eigener Kompetenzen bei gleichzeitigem guten Umgang mit sich selbst. Gerade wenn es drauf an kommt sind Gedanken wie „ich weiss auch nicht ob ich das schaffe“ oder „so habe ich das ja noch nie gemacht“ nicht sonderlich hilfreich. Es geht dabei also eher darum, einen „begründeten Optimismus“ zu erlernen, der auf den Tatsachen der eigenen Fähigkeiten beruht und nicht nur grundlos positiv zu denken. Ich persönlich denke, dass hier einer der stärksten Mechanismen der Burnout-Prävention liegt.

Sinnorientierung

Menschen, die kein inneres Ziel mit ihren äußeren beruflichen Handlungen verfolgen unterscheiden sich deutlich in ihrer Leistungsfähigkeit und in der Fähigkeit mit Schwierigkeiten nachhaltig umzugehen. Auch hier gibt es methodisch eine Vielzahl von Verfahren. Ich habe in den letzten Jahren immer mehr Erfahrung mit sogenannten emergenten Verfahren gesammelt und habe deshalb eine Journaling Übung aus dem Dunstkreis rund um die Theorie U von Otto Scharmer genutzt, die ich auch persönlich immer wieder nutze.

Dyadenkompetenz

…oder die kontinuierliche Gestaltung von guten Beziehungen. Jeder Mensch hat normalerweise täglich mit anderen Menschen zu tun. Beziehungsgestaltung geschieht oft unwillkürlich, quasi automatisch. In der bewussten Gestaltung von Beziehungen liegt ein wesentlicher Schlüssel zur Burnout-Prävention. Bin ich derjenige, der sich z.B. ganz im Sinne eines Unternehmens vollkommen selbst aufgiebt und es bedingungslos dem Kunden Recht machen möchte? Hat mein Chef automatisch immer Recht nur weil er mein Vorgesetzter ist? Erniedrige ich Mitarbeiter durch eigene Überhöhung? Oder gestalte ich jede Beziehung sorgfältig auf Augenhöhe ohne meine eigene Verantwortung außer Acht zu lassen? Sicherlich ein spannende Punkt. Wir haben nur gemerkt, dass wir uns mit diesem Thema gesondert beschäftigen müssen. Denn es gibt ganze Ausbildungen, die sich damit auseinandersetzen. Eine systemische Beraterausbildung ist schliesslich in der Regel ein 2-3 Jahre langer Prozess. Aus diesem Grund werde diesem Thema weitere Artikel im Blog und auch in Schriftform widmen.

Ich bin neugierig auf Kommentare von außen zu diesem Blog…

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Kommentare (0)

  • Hallo Markus,

    lieben Dank für die schönen Gedanken, mit denen ich motiviert in eine gut gefüllte Woche starten kann. Meiner Meinung nach sind alle, die nicht nur einem Beruf, sondern ihrer Berufung nachgehen, vom Leben gesegnet, da sie ihre berufliche Tätigkeit nicht als Last empfinden. Ich stehe immer wieder vor der Herausforderung, Kollegen zu motivieren, die nicht mit der gleichen Begeisterung Personaler sind wie ich – die unsere Mitarbeiter nicht als Kunden, sondern als Bittsteller sehen und die nicht mehr machen wollen, als unbedingt notwendig ist, um sich in den Feierabend zu retten. Wieviel bereichernder ist es, eine Aufgabe voll und ganz anzunehmen und gut zu erledigen.

    Ich wünsche dir eine erfüllte Woche

    Daniela

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