system worx Summer School: Aufstellungsarbeit in der Organisationsentwicklung – GO’s und NO GO’s

Im Rahmen der Summer School bei system worx haben wir uns länger (und intensiver) als ursprünglich geplant dem Thema der Arbeit mit Aufstellungen gewidmet. Das liegt vor allem daran, dass diese Art der Vorgehensweise sehr viel Dynamik und Energie erzeugt und dabei gleichzeitig alle Personen beteiligt sind. Und da sind wir auch schon bei den wesentlichen Vorteilen des Einsatzes dieser Methode. Ich bin froh, dass wir in unserem Partnerkreis einige Profis haben, denn der unsachgemäße Gebrauch führt im harmlosen Fall ins Nirvana. Im schlimmsten Fall in die Krise. Deshalb, hier mal eine Übersicht…

Eines ist mir wichtig vorweg: Es gibt Möglichkeiten der Aufstellungsarbeit, die in dieser Hinsicht ungefährlich sind und einen großen Nutzen stiften. Ich gehe soweit zu behaupten, dass jeder Berater ein gewisses Repertoire an Aufstellungsverfahren haben muss. Aber: Aufstellung ist nicht gleich Aufstellung. Was ich in diesem Zusammenhang als sehr kritisch betrachte, ist die Anwendung der sogenannten Familienaufstellung in Unternehmen. Aus meiner Sicht (und Achtung! Eigene Meinung…) haben Familienaufstellungen in Organisationskontexten nichts verloren. Wenn bei Konferenzen oder Teamentwicklungen z.B. krisenhafte Entwicklungen an Einzelpersonen festgemacht werden und im schlimmsten Fall ein Bezug hergestellt wird zu den Urahnen, dann halte ich das für grob fahrlässig. Dieser Methodeneinsatz führt auch dazu, dass andere Aufstellungsarbeiten in Verruf geraten. Ein positives Beispiel sind für mich z.B. die Strukturaufstellungen von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibed. Ihr Verdienst ist aus meiner Sicht, dass sie die Methode der Aufstellung aus dem Bereich des Mythos und der Zauberer in einen wissenschaftlichen Kontext gesetzt haben. Durch diese Art der Aufstellung werden Zusammenhänge im Überblick und in ihrer Wechselwirkung sichtbar, die sonst übersehen oder anders gewichtet worden wären. Und genau das ist es ja, was in der Organisationsentwicklung so nützlich ist. Die Betrachtung der Einzelursachen führt häufig zu einseitigen Entscheidungen und Fehlentwicklungen. Die ganzheitliche Betrachtung und der Überblick bringt den Beteiligten neue Perspektiven und Einsichten. Also immer dann, wenn Kollegen im Raum sind, Mitarbeiter, Führungskräfte oder gar Top Management sehe ich eine klare Grenze für den Einsatz von Familienaufstellungen.

Methode der Familienaufstellung
Im Unterschied zu Systemaufstellungen wird dort für Einzelpersonen der familiäre Hintergrund, d.h. das sogenannte „Familiensystem“ aufgestellt. Die Aufstellung ist eine Anordnung von Personen der Herkunftsfamilie im Raum durch sogenannte „Stellvertreter“. Es werden also Personen aus einer Gruppe für die eigenen Familienmitglieder in eine Art der Beziehung gebracht und bezogen auf ein Symptom oder eine persönliche Thematik gestellt. Dieses „Stellen“ ist ein intuitiver Vorgang und erschafft damit eine sichtbare Struktur. Die Schwierigkeit, die ich immer wieder damit habe ist, dass damit automatisch angenommen wird, dass es für ein gegebenes Thema einen Hintergrund in der eigenen Familie geben könnte. Und ich frage mich ernsthaft, wie nützlich es ist, wenn für die eigene mangelnde Kritikfähigkeit das Verhalten des eigenen Großvaters im dritten Reich auftaucht. Die Gefahr bei dieser Art der Bearbeitung ist aus meiner Sicht, dass Zusammenhänge hergestellt werden, denen man die Bedeutung gibt eine bestimmte „Wahrheit“ zu haben, der oftmals an den Haaren herbei gezogen scheint. Selbst wenn Erklärungen auftauchen, die den handelnden Personen eine Art der Einsicht bescheren, so ist es niemals deshalb, „weil wir jetzt wissen dass es genau so war.“ Keiner weiß, wie es wirklich war. Es kann sein, dass bestimmte „Erkenntnisse“ einfach gut zum Thema passen und wenn das zu einer persönlichen Einsicht oder Entlastung führt ist das prima, aber trotzdem nicht die Wahrheit. Mir ist wichtig zu erklären, dass ich die Methode der Familienaufstellung nicht ablehne oder sie verteufle, ich will klar stellen, wo ich Einsatzgebiete sehe und wo sich aus meiner Sicht ein Einsatz verbietet. Direkt in Organisationen jedenfalls sehe ich keine gute Einsatzmöglichkeit für die Spezialmethode Familienaufstellung. Dort sollte die eigene Familiengeschichte bleiben wo sie hin gehört: Zu Hause.

Aufstellung im Kontext Coaching
Coaching ist in der Regel eine Einzelberatung eines Klienten mit einem Coach in einem geschützten Rahmen. Aufstellungsarbeit zum Zwecke des Erkenntnisgewinnes eines Klienten ist häufig ein probates Mittel. Bitte nicht verwechseln mit der Aufstellung des Familiensystems. Inhaltlich gesehen können alle möglichen Konstellationen gestellt werden: Z.B. die Zusammensetzung eines Managementteams, das Zusammenspiel von Abteilungen bis hin zum Kunden oder auch die Aufstellung innerer Kompetenzen zur Bewältigung von außergewöhnlichen Situationen beispielsweise in Turn-around Situationen. Methodisch werden die einzelnen Teile durch den Klienten räumlich dargestellt, z.B. durch die Arbeit mit Bodenankern im Raum oder durch die Nutzung von Figuren auf einem Tisch (im Kontext der Familienaufstellung auch bekannt als „Familienbrett“). Das erste Bild zeigt so eine Konstellation. Ein Buchtipp für alle die sich damit mehr auseinander setzen wollen:
Systemaufstellungen im Einzelsetting: Platz lassen, Raum geben

In diesem Buch ist das Grundprinzip der Systemaufstellung im Einzelsetting gut erklärt und auch einige Varianten davon abgebildet.

Die Aufstellung des Familiensystems kann unter Umständen im Coaching natürlich auch Sinn machen, allerdings überlege ich mir dann, ob ich den einen Klienten an einen Experten in Sachen Familienaufstellung in einem geschützten Setting überweise. Dort treffen sich Menschen mit ihren ganz persönlichen Anliegen, die sich nicht kennen und keine persönliche Beziehung zueinander haben und das ist aus meiner Sicht auch ein echter Erfolgsfaktor. Ein weiterer für mich sehr wichtiger Erfolgsfaktor ist die Einbettung der Aufstellungsarbeit in einen weiterführenden Beratungs- oder Coachingprozess. Viele Menschen sind neugierig und begeben sich dadurch in Aufstellungssettings, ohne dass eine weiterführende Begleitung zur Verarbeitung und zum Transfer sichergestellt ist. Der Preis dafür ist dann unter Umständen, dass es entweder „nichts bringt“ oder dass die Verarbeitung und Einordnung von Aufstellungsergebnissen nicht erfolgt und diese Klienten viel zu lange unproduktiv beschäftigt.

Übrigens kann ich als Aufsteller von Familiensystemen den Autor des oben genannten Buches sehr empfehlen. Wilfried de Philipp ist aus meiner Sicht einer der erfahrensten und gleichzeitig achtsamsten Aufsteller im Feld – was nicht heißen soll, dass andere nicht auch gut wären. Ich habe nur für meine eigenen Anliegen gute Erfahrungen gemacht und bekomme auch solche Rückmeldungen von meinen Klienten.
Hier geht es zu seiner Homepage: http://www.de-philipp.de/

Aufstellungen im Kontext Organisationsentwicklung
Aufstellungsarbeit ist im Rahmen von Organisationsentwicklung vielfältig einsetzbar: Bei der Auftragskonstruktion zu Beginn von Entwicklungsvorhaben gewinnen Berater und Auftraggeber rasch den Überblick und können gemeinsam Entscheidungen für ein gutes Vorgehen treffen. Als Intervention in der Teamentwicklung oder zur Supervision von Change Teams eignen sich die Methoden ebenso.
Hier mal eine Auflistung von nutzbringenden Einsatzgebieten:

Für alle Beraterkollegen und insbesondere für alle, die bei mir in der Ausbildung zum Organisationsberater sind habe ich dazu zwei Botschaften:
1. Mehr Mut zur Nutzung von Aufstellungsmethoden in der Beratungsarbeit: Wenn man die Spezialvariante der Familienaufstellung außer Acht lässt, dann gibt es ein breites Spektrum von Aufstellungsvarianten, die allesamt in der Arbeit als Organisationsentwickler nutzbar sind und zwar in allen Phasen eines OE-Prozesses. Angefangen von der Auftragskonstruktion mit dem Auftraggeber über die Entwicklung von Hypothesen und der Entwicklung von Veränderungsarchitekturen und Designs, bis hin zur Nutzung als Intervention im System und zur Supervision können Aufstellungsdesigns genutzt werden. Im Rahmen unserer Ausbildung am sx Institut werden auch grundlegende Aufstellungsdesigns vermittelt.

2. Üben, üben, üben: Systemisches Arbeiten nur im Kundenbezug macht nur den halben professionellen Berater aus. Ich selbst lege Wert darauf niemals einem Kunden eine Methode vorzuschlagen, die ich nicht selbst an mir oder meinem Unternehmen ausprobiert habe. Und alle diese Arbeitsmethoden sind sehr praktisch anwendbar und nützlich. Selbst in der Peergroup München üben wir immer wieder unterschiedliche Aufstellungsdesigns.

Buchtipps
Wir alle hier bei system worx sind Leseratten. Unsere Bibliothek beinhaltet viel Literatur zum Thema Aufstellungsarbeit. Und da das Thema immer noch für viele attraktiv ist, gibt es immer wieder neue Bücher dazu. Hier einmal noch eine kleine Auswahl von Büchern aus unserem Fundus:

Systemische Strukturaufstellungen. Theorie und Praxis

Ganz im Gegenteil: Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen – für Querdenker und solche, die es werden wollen

Praxis der Organisationsaufstellungen. Grundlagen, Prinzipien, Anwendungsbereiche

Und natürlich bin ich auch gespannt auf Erfahrungen meiner Leser zum Thema Aufstellungsarbeit. Gerne als Kommentar an diesen Artikel.

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