Coachingtipp: Einladung in die Verantwortung

Opferbild
Es gibt viele Gründe für Klienten zu einem Coaching zu kommen. Manche finden keinen Ausweg aus einer schwierigen Situation. Andere möchten eigene Schwächen „ausmerzen“, „wegmachen“ oder einfach innere Barrieren überwinden. Wieder andere werden geschickt, weil Dritte etwas an Ihnen verändert sehen wollen. Womöglich hat ein Klient dann eher mit dieser Tatsache ein Problem, als mit dem kritisierten Verhalten. Egal was die ursprüngliche Motivation einer Person für Coaching ist, fast immer lässt sich ein „Schuldiger“ finden, der vor allem gerne beurteilt, was hier richtig oder falsch ist…

Das kann der Klient natürlich selber machen und sich mit Selbstvorwürfen das Leben schwer machen oder aber es gibt einen, der ihm das Coaching „eingebrockt“ hat. Vielleicht sogar mit Konsequenzen droht, falls er sich nicht ändert. Letztendlich ist man als Coach damit erst mal im Dilemma, denn einen Anteil des Klienten hat man damit immer gegen sich. Das ist der Teil, der gerne von sich behauptet: „Mit mir ist eigentlich alles in Ordnung, nur die anderen (inneren Anteile oder äußeren Personen) sind gegen mich!“.

Ein beliebtes Muster, das ich in diesem Zusammenhang immer wieder fast täglich in meiner Beratungsarbeit (z.B. in Workshops) beobachten kann ist die Sache mit dem Recht haben! Wer Recht hat, setzt damit die anderen automatisch ins Unrecht. Kooperative Zusammenarbeit wird dann unmöglich wenn sich andere auf das Spiel einlassen und „mitmachen“, d.h. nicht gerne unrecht haben und sich rechtfertigen. Recht haben zu wollen ist nach meiner Beobachtung einer der verheerendsten Selbstverteidungsmechanismen, die in zwischenmenschlicher Kommunikation auftreten können. Ich nehme mich da selbst nicht aus – ich hatte schon ziemlich oft Recht in meinem Leben 😉

Die Sache mit dem Recht haben wollen ist psychologisch gesehen, so was wie ein Überlebensmechanismus. Wer Recht hat und sich durchsetzt, kann sich und seiner Sippe möglicherweise den Tod durch Verspeisen eines Säbelzahntigers ersparen. Der menschliche Verstand ist geradezu das Instrument um das Überleben der Person und der Sippe zu gewährleisten. Letztendlich geht es dabei doch nur um 4 Bedürfnisse: Körperliche Unversehrtheit, genug Nahrung, genug Luft zum Atmen und genügend Liebe. Punkt. Nur zu dumm, dass unser Verstand sich in den letzten paartaustend Jahren zu einem Instrument verselbständigt hat, das dieselben Prinzipien, die zum Überleben hilfreich sind nun auf das Lösen von Alltagsproblemen zielt und leider ziemlich oft Ergebnisse produziert, die uns Menschen einfach nicht gut tun. Wirklichkeitskonstruktionen über den eigenen Wert gehören leider oft mit dazu. Und die Sache mit der Schuld. Einen Schuldigen wird man gerne immer finden: Die Psychologen alter Schule suchen Schuld bei den Eltern, man könnte auch die Schuld im System, in der Politik, bei den Lehrern, beim Chef, bei der Firma oder in der Zeit suchen (früher war alles besser). Bringt auf jeden Fall eines: Das Gefühl, dass man Recht hat, vor allem wenn man von außen Bestätigung sucht und findet.

Soweit, so schwierig. In einem anderen Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie wichtig es ist, ein Problem in seinem Schwierigkeitsgrad für seinen Besitzer zu würdigen, um überhaupt Veränderung zu ermöglichen. Das halte ich nach wie vor für wichtig, insofern finde ich es eine Kunst im Coaching sich gemeinsam mit dem Klienten achtsam vorzutasten. Timing ist entscheidend für Intervention und nicht nur das Beherrschen derselben. Menschen möchten vorbereitet werden auf Veränderungen, ob im Coaching oder großen Veränderungsprozessen…

Gut, also, wie kommt man aus der Schuld-Nummer wieder raus? Aus meiner Sicht immer behutsam. Vor allem muss erst mal transparent werden, wer wem wofür was schuldet. In vielen Coachings finde ich es sehr nützlich den Coachees klar zu machen, dass sie neben all den schwierigen Rahmenbedingungen und Ungerechtigkeiten vor allem eines tun: Sie erschaffen ihre Wirklichkeiten tatsächlich selbst. An dieser Stelle will ich einfach noch mal sehr klar machen: Ja, es gibt die schwierigen Situationen, in die Menschen unverschuldet geraten, es gibt moralisch verwerfliche Rahmenbedingungen, die für ein Erleben von Not und Schmerz sorgen.

Und trotzdem: Das Erleben einer Situation entsteht in erster Linie in dem, der sie erlebt. Jetzt könnte einer auf die Idee kommen, sich als Opfer zu erleben, was er nach äußeren Umständen vielleicht sogar berechtigt ist (z.B. nach einem Gewaltverbrechen oder aber auch nach dem Verlust der eigenen Arbeitsstelle). Dadurch, dass eine Situation so nachvollziehbar ist, wird die ganze Sache nicht leichter. Und oft erlebe ich Klienten, die sich dann auf der ganzen Linie als Opfer der Umstände begreifen und alles was ihnen dann widerfährt wird dann zur Tat an ihnen.

Wie gesagt: Schritt eins ist immer der, zu explorieren und die Schwierigkeiten auch ernsthaft zu würdigen.

Schritt zwei: Es geht darum achtsam aufzuzeigen dass die Wirklichkeit in einem immer selbst produziert wird. Es gibt innere Anteile, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als Glaubenssätzen nachzuhängen. Mit diesen „Brillen“ vor den Augen sieht die Welt dann entsprechend aus.

Schritt drei ist dann die Kernfrage: „Sind Sie bereit, die Verantwortung für ihr Erleben zu übernehmen?“ Was? Wie? Verantwortung? Was heisst das?
Ja, Verantwortung. Verantwortung statt Schuld…

Schritt vier ist dann die Frage der Konsequenzen: „Und wenn Sie Verantwortung für ihr Erleben übernehmen, was für Auswirkungen hätte das? Wer würde das zuerst merken? Wie würde sich das anfühlen (körperlich / Lebensgefühl) nicht mehr Opfer, sondern Gestalter seines Lebens zu sein?“ Eine ganze Reihe von systemischen Fragen können sich daran anschließen.

Einladung in die Verantwortung ist für die meisten Klienten eine starke Intervention, die viel in Bewegung setzt. Und trotzdem: Alte, gewohnte Verhaltensmuster setzen sich oft lange noch durch. Alte Gewohnheiten durch neue zu ersetzen muss geübt, erinnert, beobachtet werden…

Ah ja. Also wieder eine Intervention aus der Kategorie: Einfach aber nicht leicht…

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