Erfolgreiche Teamentwicklung – weniger ist mehr

Jetzt ist doch tatsächlich ein Monat ohne ein Blogbeitrag vorüber gegangen. Der Monat Juni ist für einen Berater wahrscheinlich einer der „heißesten“ Monate und das nicht nur wegen des Wetters.

Als ich mir überlegt habe, über was ich schreiben soll, ist mir aufgefallen, dass ich in den letzten Monaten viel einerseits viel als Coach von Führungskräften in sogenannten Sandwich-Positionen gearbeitet hatte. Darüber möchte ich gerne in nächster Zeit in Form einer Serie berichten. Andererseits hatte ich auch eine merkwürdige Häufung von Arbeiten mit Teams und das soll heute Thema sein.
Ich weiß nicht, wie diejenigen unter euch, die ich zu meinen professionellen Kollegen zähle zur Teamentwicklung stehen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als junger Berater vor ca. 15 Jahren meinen ersten Teamentwicklungsprozess gemeinsam mit einem älteren, erfahrenen Kollegen angehen durfte. Es kam mir ein wenig so vor, wie aus dem Lehrbuch: Wir haben ein genaues Programm für einen 2-tägigen Workshop entworfen. Darin enthalten waren einige Übungen, die sicher der eine oder andere aus eigener Erfahrung kennt. So wie z.B. eine Übung in der sich die Mitglieder des Teams die Augen verbinden dürfen. Das Team soll dann auf einer Wiese oder einem Parkplatz verschiedene Aufgaben bewältigen, z.B. einen Kreis oder ein Quadrat bilden. Am Ende ging es dann immer darum, das Erlebte in den Kontext des Teams zu bringen, also z.B. Fragen zu beantworten wie: Wer hat denn jetzt hier geführt? Wer hat sich führen lassen? Wer hat wie kommuniziert? Usw…

Auf den ersten Blick vielleicht eine gelungene Sache. Alle hatten Spaß miteinander. Die Fragen waren vielleicht auch mehr oder weniger schlau gestellt. Der Transfer aus diesen Übungen fiel jedoch den meisten schon richtig schwer. Und es mehrten sich die Stimmen, von denen ich noch „Ringelpietz mit Anfassen“ im Ohr hatte. Zum Glück hatten wir damals jede Menge schlauer Übungen vorbereitet und konnten so ein Highlight nach dem anderen im Team erzeugen. Wir waren dabei als Berater selbst häufig im Zentrum des Geschehens und auch so manches mal in der Kritik bei der Durchführung dieser Übungen.

Heute im Jahr 2008 stellt sich Teambildung für mich ganz anders dar. Ich bin weit weg davon, den Unterhalter zu spielen. Und wenn die Teambildung gelingt, dann ist das Team und seine Mitglieder genau mit den Themen und Aktivitäten beschäftigt, die im Arbeitsalltag häufig das Leben so schwer machen. Teamerleben an sich gibt es schon noch. Nur immer bezogen auf das, was dass die Team ausmacht. Ein Beraterkollege, mit dem ich letzte Woche eine qualitativ hochwertige Teamentwicklung durchführen durfte hat das schön in Worte gefasst. Er sagte: „Jetzt merke ich wie ich das Team richtig in mich aufnehme und immer mehr ein Gefühl dafür bekomme, was diese Gruppe von Menschen braucht.“ Und so wurde aus einem vorgedachten Grundkonzept ein virtuoses Konzert, das vor allem an den Tönen der Teilnehmer und dem Zusammenspiel arbeitete. Meine liebe Lehrtrainerkollegin Dörthe Verres hat das in einem kollegialen Austausch so formuliert: „Wenn man erst mal die Gruppe zusammenbekommen hat, dann muss man die Vorgänge nur noch hüten.“ Und was sie damit meinte ist die leichte Art und Weise einen einmal in guter und wertschätzender Art und Weise angestoßenen Gruppenprozess lediglich zu lenken und weniger zu kontrollieren.

Eine zweite Erkenntnis aus den Ereignissen in diesen Tagen kommt mir auch noch mal richtig ins Bewusstsein: Die Tatsache, dass die Arbeit an den eigenen Themen Leute immer mehr fesselt als an irgendwelchen Fällen oder Situationen, die von außen eingebracht werden. Je älter und auch je reifer ich als Berater werde umso mehr kann ich auf ein vorgefertigtes Programm verzichten (meistens tun sich aber meine Auftraggeber schwer damit). Die interessantesten Prozesse für mich sind derzeit immer die, die mit einem weißen Flipchart beginnen, ohne von vornherein zu wissen, was am Ende ein Ergebnis sein wird. Ich meine, wenn ich eine Lektion aus den letzten Jahren wirklich gelernt habe, dann die, darauf zu vertrauen, dass Seminar- oder Workshop-Teilnehmer als denkende und interessierte Wesen immer für sie wichtige und relevante Themen beizusteuern haben. Mein Selbstvertrauen darf sich dann ganz darauf stützen, dass mir im richtigen Moment etwas einfällt. Die große Preisfrage ist: Und was passiert, wenn mir mal nichts Schlaues einfällt? Ja, das alte Beraterdilemma: SABVA oder Sicheres Auftreten Bei Völliger Ahnungslosigkeit? Auch das ein Déjà-vue von früher. Heute gelingt es mir immer häufiger meine Selbststeuerung offen zu legen oder auch einmal zuzugeben, wenn etwas in der Moderation misslingt. Und dabei bin ich allen Teilnehmern aus den letzten Jahren dankbar, die mich dann auch in einer solchen Lage „wieder auf’s Pferd gehoben haben“. Es ist bisher gerade in solchen Situationen in der gemeinsamen Arbeit viel Produktives entstanden.

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